Anfall von Wagemut

 

Björn hielt die Augen krampfhaft geschlossen und versuchte, nicht an den Abgrund zu denken.
"Nur Mut! Machen Sie einfach einen Schritt nach vorne. Das Seil wird Sie halten." Die aufmunternden Worte des Teamers drangen zwar an sein Ohr, aber keineswegs in seine Beine, die stur an ihrem Platz blieben.
"Sie haben mir eben erzählt, dass Sie Geschäftsmann sind. Da reisen Sie doch sicher viel, oder?"
Björn wagte ein vorsichtiges Nicken. Bloß keine hastigen Bewegungen!
"Und nehmen Sie dann nicht auch einmal den Flieger?"
Ein behutsames Auf und Ab des Kinns bejahte diese Frage.
"Also jetten Sie rund um den Globus, in 10.000 Meter Flughöhe, und haben kein Problem damit. Und das, obwohl Ihnen bei einem Absturz keine Sicherung der Welt helfen könnte."
"Danke, sehr einfühlsam", knirschte Björn zwischen den Zähnen hervor. Der Teamer hinter ihm lachte und versetzte dadurch das Seil in Schwingungen, die eine verheerende Wirkung auf Björns Eingeweide hatten. Sein Magen schien Fahrstuhl zu fahren; erst ein Stück aufwärts und dann, nach einem kurzen Stopp, im freien Fall steil abwärts. Er kämpfte noch mit der Übelkeit, als sich eine kleine Hand auf seinen Knöchel legte und ihn damit wirklich fast aus dem Gleichgewicht brachte.
"Hey, Paps, ich bin’s nur", Mia tätschelte ihm beruhigend das Bein. "Prima machst du das."
"Ah, ähm, ja. Und habt ihr Spaß?" Er lugte vorsichtig zu seiner Tochter hinunter.
Die nickte begeistert. "Und wie! Mit dem blauen Parcours sind wir durch, und unser Teamer meint, wir können den roten ausprobieren. He, und am Ende düst man mit einem Surfbrett über das Seil nach unten, cool, oder?"
Björn konnte nur matt nicken. Oh, Mann, deine Töchter toben sich in acht Metern Höhe aus, und du Niete blockierst immer noch den weißen Parcours. Er maß die Entfernung zum Erdboden, der trotz seines Empfindens nur einen lausigen Meter unter ihm lag. Wie war er nur auf diese Idee mit dem Kletterwald gekommen!
"Hier! Von Mama." Mia reichte einen Zettel nach oben, den dankenswerterweise der Teamer entgegennahm, entfaltete und Björn zum Lesen vor die Nase hielt.
'Du schaffst das, mein Rebell in Anzug und Krawatte. Komm rüber zu mir!'
Er hob den Blick und schaute hinüber zu seiner Frau, die am anderen Ende des Parcours auf ihn wartete. Sie schenkte ihm dieses Lächeln, das nur für ihn bestimmt war, und Björn wagte den nächsten Schritt auf dem schwankenden Seil.

 

© 2016 Anathea Minami

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Fahrstuhl - Rebell/in - Globus