Kraft der Gedanken

 

Die Straßenbahn schlingerte durch eine Kurve, und endlich kam ihre Haltestelle in Sicht. Lana trat von einem Fuß auf den anderen, bis sich die Tür öffnete, um den einzigen Passagier in den frühen Sonntagmorgen zu entlassen. Ein hektischer Blick auf die Uhr zeigte, dass ihr nur noch zehn Minuten blieben. Sie rannte die letzten paar Meter bis zum Haus, ließ vor Hektik gleich mehrmals die Schlüssel fallen, bis sie endlich die Tür aufgeschlossen hatte. Die sechszehn Stufen zu ihrer Wohnung flog sie geradezu hinauf, und erst in ihrem Schlafzimmer angekommen, gönnte sie sich eine winzige Verschnaufpause. Was keine gute Idee war, weil sich ihre üblichen Befürchtungen sofort lautstark zu Wort meldeten. Sie würde es vermasseln! Wie so oft, wenn sich eine Gelegenheit geboten und ihre Schusseligkeit diese zunichtegemacht hatte. Aber dieses Mal … vielleicht.  Ein weiterer Blick auf die Uhr löste Panik aus. Nur noch fünf Minuten, bis es an der Tür läuten würde.

Während sie sich die Klamotten vom Leib riss, schimpfte sie mit sich selbst. "Du dumme Pute, wieso kannst du eigentlich nie 'nein' sagen?" Eilig wechselte sie ins Bad, um sich frisch zu machen. "Endlich hast du ein Date, aber nimmst du dir Zeit, dich darauf vorzubereiten? Nein, natürlich nicht! Du musst ja unbedingt aushelfen und über Nacht Kinder hüten." Zurück im Schlafzimmer fuhr sie in das zum Glück schon bereitgelegte Kleid. "War Cora jemals pünktlich? Nein, aber du glaubst mal wieder an Wunder! Sie hat sich eine schöne Nacht mit ihrem neuen Lover gegönnt, konnte sich kaum von ihm trennen, und du kannst jetzt zusehen, dass du überhaupt noch rechtzeitig fertig wirst." Ein paar Bürstenstriche mussten für die Frisur genügen. "Gleich steht der tollste Typ, den du dir denken kannst, vor der Tür, und du siehst aus wie ein aufgescheuchtes Huhn, das rückwärts durch die Hecke gezogen wurde. Wo, verdammt nochmal, ist der zweite Schuh?"
Als sie sich bückte, um unter dem Bett nachzusehen, fiel ihr einer der Perlenohrenringe aus der Hand und kullerte über den Boden unter den großen Wandschrank. Mit einem saftigen Fluch tauchte sie unter dem Bettüberwurf hindurch, um nach einigem Tasten den verlorenen Schuh hervorzuziehen. Auf den Knien robbte sie zum Schrank und spähte in das Dunkel, das dort herrschte. "Große Klasse", murrte sie, griff aber beherzt nach einen Kleiderbügel, mit dem sie alles zutage förderte, was dort bisher friedlich in Vergessenheit geschlummert hatte. Jede Menge Staub, eine Haarspange, die Konzertkarte, die sie vor zwei Monaten so verzweifelt gesucht hatte, noch ein paar Wollmäuse und endlich kam auch der flüchtige Ohrring zum Vorschein. Beim Aufrichten schaute sie noch einmal auf die Uhr und erstarrte. Die Zeit war wie im Flug vergangen, schon vor über zwanzig Minuten hätte es klingeln müssen. Sie sank zurück auf den Boden. Natürlich wirst du versetzt; hast du vielleicht etwas anderes erwartet? Eine einsame Träne suchte sich ihren Weg über Lanas Wange.

Gedemütigt stemmte sie sich vom Boden hoch und trat vor den Ankleidespiegel. Sie starrte die Vogelscheuche an, die ihr entgegenblickte. Die Haare waren zerzaust, das Make-up verschmiert, und sie trug ein Kleid aus blassblauem Leinen, das zu groß für sie wirkte. Bei der Anprobe im Geschäft schien es absolut perfekt für einen großartigen Tag zu sein. Das erste Date mit Mark, und Lana wollte zu diesem Anlass besonders nett aussehen. Nicht zu aufgebrezelt, aber auch nicht zu bieder. Doch jetzt wirkte sie wie ein kleines Mädchen, das die Sachen der Mutter anprobierte, diese jedoch längst noch nicht ausfüllen konnte.
Bei dem Gedanken kam ihr der letzte Streit mit ihrer Mutter in den Sinn. "Aber sicher hat Cora ein angenehmeres, ein erfüllteres Leben. Und weißt du, woran das liegt, Lana? Weil sie klugerweise an schöne Dinge denkt und sich nicht permanent darüber Sorgen macht, was alles schief gehen könnte. Wenn sie etwas vorhat, dann freut sie sich darauf, weil sie einfach erwartet, dass es besonders werden wird." Ihre Mutter hatte sie kopfschüttelnd gemustert. "Aber du, Lana, du stellst dir die ganze Zeit nur vor, was alles Schreckliches passieren könnte. Sowas nennt man selbsterfüllende Prophezeiung, weißt du?"
Natürlich hatte sie ihrer Mutter an den Kopf geworfen, spirituellen Blödsinn zu verzapfen, hatte geätzt, dass zu viele Räucherstäbchen anscheinend auch den letzten gesunden Menschenverstand vernebelten. Aber wenn nun doch etwas Wahres daran war? Plötzlich erschien die Wohnung muffig und eng. Dieses Gefühl, das stellvertretend für ihr ganzes Dasein zu stehen schien, schnürte ihr die Kehle zu. Ich ersticke in diesem eintönigen Leben, in meinen eigenen Ängsten. Lana riss das nächste Fenster auf und sog die frische Sommermorgenluft so begierig ein, als wäre sie zu lange mit dem Kopf unter Wasser gewesen. Nach ein paar tiefen Atemzügen nahm sie sich zusammen. Na gut, Mama, dann mache ich es halt einmal nach deiner Methode! Mit neuem Schwung fegte sie die Spinnweben vom Kleid, frischte das Make-up auf und richtete sich die Haare. Wenn sonst niemand mit mir frühstücken gehen will, dann mache ich das eben allein. Und zwar vom Feinsten! Nach einem letzten Blick in ihre Geldbörse griff sie nach ihrer Handtasche und zuckte erschrocken zusammen, als es an der Tür schellte. Das konnte jetzt eigentlich nur eine einzige Person sein.
Als Lana auf den Türöffner drückte, gab dieser das gefürchtete Schnarren von sich, mit dem er wieder einmal kundtat, dass er nicht vorhatte zu funktionieren. Positiv denken, erinnerte sie sich. Zum einen ist das eine Art von Sport, wenn ich runterlaufen muss, und zum anderen kann man die massive Haustür viel besser zuknallen als die Tür zur Wohnung. Wenn das wirklich Cora ist, dann…

Sie öffnete die Tür mit mehr Schwung als gewöhnlich, und ein quirliger, hellbrauner Hund drängte sich knurrend in den Hausflur. Lana wich überrascht zurück. "Ja, hallo, wer bist denn du?" Sofort kam der Hund schwanzwedelnd auf sie zu, schmiegte sich an ihre Beine und forderte Streicheleinheiten ein. "Was für eine süße Maus du bist! Hundebesuch ist der mit Abstand schönste Besuch, weißt du?" Sie hockte sich hin und gab sich ganz dem Hundekuscheln hin, als sie von einem Räuspern unterbrochen wurde.
"Hm, eigentlich hatten wir beide das Date, oder täusche ich mich da? Muss ich mir Sorgen machen, dass du mich jedes Mal auf der Stelle vergisst, wenn so eine Plüschnase auftaucht?"
Verlegen rappelte Lana sich auf. "Mark! Du… ähm, du hast gar nicht erwähnt, dass du einen Hund hast."

"Uh, nee, habe ich auch nicht. Fritzi gehört meiner Schwester, aber die hatte mal wieder einen Notfall und musste dringend ins Büro. Das ist auch der Grund, warum ich erst jetzt bei dir aufkreuze. Es ist wirklich immer dasselbe, wenn Yvonne um einen Gefallen bittet – man denkt, dass es ja nur eine Kleinigkeit ist, und dann zieht es noch jede Menge große und kleine Dinge nach sich." Er sah Lana zerknirscht an. "Der Hausmeister hat schon vor der Tür auf mich gewartet, weil es ein kaum vorhandenes Problem mit einem Wasserrohr in der Küche gab und ihn meine Schwester deswegen angerufen hatte. Diese winzige Komplikation musste ich dann erst einmal aufwischen, weil der Typ sich standhaft weigerte, in der nassen Küche zu arbeiten. Zu allem Überfluss können sich Fritzi und er nicht ausstehen. Einfach eine Runde mit ihr Gassi gehen und sie danach mit ihm im Haus zurücklassen, wäre keine gute Idee gewesen. Wer kann schon wissen, wozu die beiden sich dann hinreißen lassen. Also habe ich den Hund nach dem Spaziergang ins Auto gepackt und einfach mal gehofft, dass du nichts dagegen haben wirst." Mark warf ihr einen leicht verzweifelten Blick zu. "Wenn ich das jetzt so aufzähle, hört es sich nach einer ziemlich blöden Ausrede an, aber solche Dinge passieren immer wieder, wenn Yvonne nach Hilfe schreit. Was übrigens oft genau dann geschieht, wenn ich etwas vorhabe. "
Lana hörte aufmerksam zu, während sie die liebebedürftige Fritzi fleißig kraulte, und ihr Grinsen wurde immer breiter. "Du glaubst gar nicht, wie gut ich das kenne. Mein Schwesterherz Cora ist nämlich ganz ähnlich veranlagt und trifft mindestens genauso zuverlässig den falschen Zeitpunkt."
"Dann bist du mir nicht böse, dass du eine halbe Ewigkeit warten musstest? Und ich dir nicht einmal Bescheid geben konnte, weil ich Tölpel vergessen hatte, nach deiner Telefonnummer zu fragen?"
Jetzt konnte sie ihr Lachen nicht mehr zurückhalten. "Das dürfen wir wirklich niemandem erzählen. Eine Verabredung, bei der vorher nur schnöde die Adressen ausgetauscht wurden, ohne detaillierte GPS-Daten, E-Mail oder Handynummer." Sie wischte sich die Lachtränen ab und schaute lächelnd zu ihm auf. "Und wie könnte ich dir böse sein? Ich hätte schließlich auch selbst daran denken können, dir meine Nummer zu geben."
Mark grinste. "Das stimmt allerdings, denn ich hatte schließlich schon genug damit zu tun, die mit Abstand interessanteste Frau der Stadt von diesem Date zu überzeugen."
Lana merkte, wie ihr Gesicht vor Verlegenheit rot anlief. "Ähm, ich muss nur noch schnell meine Tasche holen." Fast schwebte sie die Stufen hinauf und als sie noch einen raschen Blick in den Spiegel riskierte, war von dem zerzausten Schreckgespenst nicht mehr zu sehen. Sie zwinkerte ihrem Spiegelbild zu, um zu ihrem wunderbaren Date zu eilen.
"Wo gehen wir hin?", fragte sie, als sie die Treppe herunterlief. "Ich muss dich vorwarnen; mein Appetit ist gewaltig."
Mark grinste nur. "Das geht Fritzi genauso; kein Wunder, dass ihr euch auf Anhieb blendend versteht. Nur gut, dass ich rein zufällig einen Picknickkorb von ungeheurer Größe dabei habe, der hoffentlich alle Wünsche meiner entzückenden Begleiterinnen erfüllen kann."

Als sie aus dem Haus traten, um mit Fritzi an den nahegelegenen Waldsee zu fahren, atmete Lana noch einmal tief durch. Dieser Morgen war sonnig und klar, alles ganz einfach und gut. Es stimmte also wirklich, positive Gedanken konnten das eigene Leben verändern. Oder vielleicht sogar die gesamte Welt?

 

© 2018 Anathea Minami

Entwickelt als Einsendeaufgabe zum Belletristik-Kurs

Umfang: ca. 10.800 Zeichen

Aufgabe: Geschichte zu einem der folgenden Sätze schreiben (woran sich die Autorin nicht wirklich gehalten hat):

Die Straßenbahn schlingerte durch eine Kurve.

Sie trug ein Kleid aus blassblauem Leinen, das zu groß für sie wirkte.

Plötzlich erschien die Wohnung muffig und eng.

Ein quirliger, hellbrauner Hund drängte sich knurrend in den Hausflur.

Dieser Morgen war sonnig und klar.