Rendezvous

 

Das Glas blind vor Schmutz und im Inneren wuchernde Pflanzen, die keine Gartenschere kannten; der Wintergarten hatte schon bessere Tage gesehen, genau wie die Frau, die darin saß und auf die Nacht wartete. Eva fand, dass dieser Ort zu ihr passte - in die Jahre gekommen, voller Geheimnisse und Sehnsüchte.
"Mutter, komm doch endlich rein. Es ist viel zu kalt hier draußen!"
Ein Ignorant, wenn es um gewisse Aspekte des Lebens geht. Ohne Verständnis für Dinge, die über Geld und Ansehen hinausgehen - wie sein Vater! Eva schaute ihren Sohn finster an. "Bin ich ein Dienstbote, den du herumkommandieren kannst? Geh, sieh nach deinem Vater. Erzähl ihm, wo ich bin." Zufrieden sah sie zu, wie er im Haus verschwand.
 Evas Blick wanderte umher und blieb an dem alten Kalender hängen, der immer noch jenes Datum anzeigte. Danach war ihr der Zutritt zu diesem Raum verboten worden, weil sie hier das schönste Wesen auf Erden getroffen hatte. Damals, auf den Tag genau vor vierzig Jahren.

Es war bereits dunkel, als sie weinend Zuflucht im Wintergarten suchte. Sie konnte es einfach nicht länger ertragen, Zielscheibe der üblichen Demütigungen zu sein. Wieder einmal hatte Karl sie vor der gesamten Gesellschaft verhöhnt, und Eva wollte nur noch sterben vor Scham. Als der dunkle Schatten vor der Scheibe auftauchte, hätte sie beinahe vor Schreck aufgeschrien. Was suchte dieser Fremde in ihrem Garten? Doch dann schaute sie ihm in die Augen und konnte ihren Blick nicht mehr von ihm lösen. Auf eine Geste hin öffnete sie die Tür und trat zu ihm hinaus in die Kälte. Später wusste sie nur noch, wie sehr sie seine Nähe genossen hatte. Die ganze Nacht hindurch tanzten sie im Licht des Vollmonds über die Wiese. Doch mit ihm gehen und ein anderes Leben beginnen wollte sie nicht. Sie fürchtete sich vor dem Fremden und Unbekannten, aber er hatte ihr versprochen, wiederzukommen. Jedes Jahr, bis sie mit ihm kommen würde. Man fand sie am nächsten Morgen völlig erschöpft, und sie war dumm genug, nichts zu verschweigen. Von da an hatte Karl sie beaufsichtigen lassen, und sie wurde vom Wintergarten ferngehalten.

Bis heute, denn Karl, durch Krankheit ans Bett gefesselt, konnte ihr nichts mehr verbieten. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, als der Schatten auftauchte, und dieses Mal ging sie freudig mit ihm.
Als ihr Sohn später nach ihr sah, fand er nur ihren Körper, den sie zurückgelassen hatte.

 

© 2016 Anathea Minami

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Wintergarten - Ignorant - Kalender