Teenie-Liebe

 

Dunkelheit herrschte in Lillis Zimmer, denn sie hatte die Rollläden fest gegen jeden vorwitzigen Sonnenstrahl verschlossen. Nur in dieser Finsternis konnte sie die Grausamkeit der Welt ertragen, eingeigelt in ihrem Bett, wo sie den Tränen freien Lauf ließ. Die melancholischen Songs, die aus dem Kopfhörer direkt in ihr verwundetes Herz flossen, halfen ihr dabei zu überhören, dass das Leben außerhalb des Zimmers weiterging. So bekam sie auch nicht mit, dass es an der Tür klopfte und jemand kurz danach den Raum betrat. Erst als sich diese Person auf ihr Bett setzte, fuhr sie erschrocken aus ihrem Elend auf. Der Lichtstreifen, der aus dem Flur hereinschien, zeigte ihr, dass ihre Mutter neben ihr saß und sie liebevoll anlächelte. Mit einem Ruck zog sie den Kopfhörer herunter und maulte patzig: »"Was willst du?"
"Ich wollte nur nachschauen, ob du jetzt endlich bereit bist, dich wie ein vernünftiger Mensch zu benehmen. Oder hast du vor, hier als schmollender Teenager zu versauern?"
Mit einem Schluchzen ließ Lilli sich wieder in die Kissen fallen. "Du weißt überhaupt nicht, wie das ist! Er hat geschworen, dass er mich liebt."
"Und das tut Tobias doch auch."
"Nein! Die ganze Zeit hatte er nebenbei noch eine andere." Wütend boxte Lilli auf das Bett. "Nur weil Manu gestern auf ihren Bruder aufpassen musste, bin ich spontan zu Tobi gefahren. Um ihn dann mit so einer blonden Tussi zu erwischen." Sie presste ihr Gesicht ins Kissen und heulte los.
Ihre Mutter strich ihr beruhigend über den Rücken. "Aber dieses Mädchen ..."
"Die blöde Ziege ist ihm um den Hals gefallen!", jammerte Lilli erstickt aus dem tränenschweren Stoff.
"Dieses Mädchen", wiederholte ihre Mutter betont geduldig, "ist seine Kusine Ramona."
Das Schluchzen wurde leiser und hörte auf. "Was? Und wieso hat er das nicht gesagt?"
"Weil du dein Handy ausgeschaltet hast? Bist du nun endlich bereit, aus dieser Dunkelkammer herauszukommen?"
Lilli fiel ihrer Mutter um den Hals. Dann sprang sie aus dem Bett, zog energisch die Rollläden hoch und drehte sich zögernd wieder um. "Aber was mache ich denn jetzt? Tobi denkt doch, dass ich komplett spinne."
"Wohl kaum - schau mal aus dem Fenster."
Dort schwebte inzwischen ein Luftballon, rot und in Herzform. Lilli starrte ihn kurz an und raste dann im Eiltempo ins Bad. "Oh, Mama, ist er nicht total süß?"
Ihre Mutter sah ihr kopfschüttelnd nach. Teenie-Liebe halt.

 

© 2016 Anathea Minami

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Dunkelkammer - Teenager - Luftballon