Amazonas


Er kam durch den Keller. Es gab sie noch: Häuser, die über völlig ungesicherte, hölzerne Einstiegsluken verfügten. Um sein Leben als Langzeitstudent der Archäologie finanzieren zu können, hatte er sich auf private Sammler spezialisiert, und dies hier könnte ein echter Glückstreffer werden. Die alte Dame hatte Jahrzehnte als Forscherin im Amazonasgebiet verbracht, daher sollten hier einige Stücke zu finden sein, die auf dem Schwarzmarkt gutes Geld bringen würden. Außerdem lebte sie extrem zurückgezogen; während er sie beobachtet hatte, gab es nur einen einzigen Besuch von einem alten Mann.

Als er die Tür öffnete, überraschte ihn grünes Licht, das den Rest des Kellers durchflutete. Vorsichtig trat er näher und stand vor einem abgeteilten Raum, der durch die Glasscheiben wie ein überdimensionales Aquarium wirkte. Dahinter wucherte ein üppiger Dschungel, tropfend vor Feuchtigkeit. Sein Blick folgte Wassertropfen, die von glatten Baumblättern auf geriffelte Blätter der darunter wachsenden Büsche fielen und von dort hinab rutschten auf ...

Er riss die Augen weit auf. Eine goldene Skulptur stand zwischen den Farnblättern, und auf der schwarz schimmernden Erde lagen hier und da Goldmünzen verstreut. An einem verrottenden Baumstumpf lehnte eine ebenfalls goldfarbene Maske, davor saß eine dicke braune Kröte.

Ich werd verrückt. Ein Terrarium ausstaffiert mit echten Schätzen! Er ließ die Lampe über die Wand neben sich gleiten: Speere, Holzmasken, struppige Teile - alles unspektakulär im Vergleich zu den Dingen hinter Glas.

Er schob die Tür auf und trat ein in die tropfnasse Wildnis. Als er sich über die Goldmaske beugte, fiel ihm etwas auf den Kopf. Erschrocken griff er danach, und ein kleiner, blauer Frosch zappelte in seiner Hand. Wegen der Handschuhe drückte er zu fest zu, zerquetschte ihn und bekam Spritzer der austretenden Flüssigkeit in Augen und Gesicht. Angeekelt warf er die Froschreste beiseite. Die Haut brannte wie Feuer, und als er sich zur Tür umdrehte, gaben die Beine nach.

Verwirrt blinzelte er die nackten Füße vor sich an. Es war die alte Dame - mit Lendenschurz bekleidet und wilden Mustern bemalt. Er öffnete den Mund, bekam aber keinen Ton heraus.
"Nur einer - wie ärgerlich!" Mit gerunzelter Stirn blickte sie auf ihn herab. "So hole ich Karl doch niemals ein. Mit dir ist er mir immer noch drei Schrumpfköpfe voraus", war das Letzte, was er hörte.

 

© 2016 Anathea North

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Keller - Langzeitstudent - Aquarium