Giftiger Job

 

"Sie müssen ein Leuchtturm sein, Frau Vogt! Ein Wegweiser für Ihr Team. Und sein wir doch einmal ehrlich, andere Kollegen in Ihrer Position holen weit mehr aus ihren Leuten heraus." Max Ebert, der neue Geschäftsführer, stolzierte im Büro auf und ab wie ein aufgeblasener Gockel, der mir, der dummen Henne, zeigen musste, wo es die fetten Würmchen gab. Von Anfang an war deutlich geworden, dass dieser Machtmensch nichts von meinem Führungsstil hielt - zu wenig aggressiv, zu weiblich halt. Und jetzt wollte er mich loswerden.
"Herr Ebert," ich legte viel Säure in den mir verhassten Namen. "Ich verstehe durchaus, was Sie von mir verlangen. Die Mitarbeiter sollen Höchstleitung bringen, stets erreichbar sein und keine Interessen außer der Arbeit haben. Aber nicht jeder ist ein Workaholic wie Sie." Das verstand dieser Lackaffe als Kompliment und lächelte mich geschmeichelt an. "Und meinen bewährten Führungsstil ändere ich keinesfalls."
"Jetzt hören Sie mir mal genau zu ..."
"Nein", unterbrach ich schroff. "Ich bin hier, um zu kündigen!"
"Damit ist das Problem ja bestens gelöst." Er griff in die Schublade, nach den obligatorischen Kräuterbonbons, die hier niemand außer Max Ebert mochte. Jeder hatte mitbekommen, wie er seine Sekretärin am Morgen zur Schnecke gemacht hatte, weil sie vergessen hatte, neue zu besorgen.
Ich wartete, bis er die Tüte aufgerissen hatte und schob ihm dann mit meinem Stift ein einsames Bonbon über den Schreibtisch zu. "Hier liegt noch eins."
Er griff danach, wickelte es recht umständlich aus und stopfte es in den Mund. "Sie sind mit sofortiger Wirkung freigestellt." Mit einem schroffen Wink wurde ich entlassen; ein weiterer Erfolg, den er verbuchen konnte.

Ich lag mit einem Buch auf dem Rasen, als fünf Stunden später die Polizei bei mir auftauchte. Max Ebert war vergiftet worden, und man ging davon aus, dass er das zufällige Opfer einer geplanten Erpressung sei. Das Bonbon mit der Giftfüllung stammte aus der frisch gekauften Tüte, und es gab keine fremden Fingerabdrücke. Für die Polizisten stand fest, dass entweder der Hersteller oder die Lebensmittelkette erpresst werden sollte. Nachdem sie gegangen waren, prüfte ich meine Mails. Der Vorstand verlangte nach mir; es ging um die Nachfolge von Herrn Ebert. Ich legte mich wieder in das warme Gras und zählte die Blätter der Gänseblümchen um mich herum: Ich war’s, ich war’s nicht ...

 

© 2016 Anathea North

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Leuchtturm - Workaholic - Gänseblümchen