Zeit zu gehen

 

Mit einem zufriedenen Seufzer sank Lara in die Wanne. Sie schloss die Augen und genoss das warme Wasser, das den Stress von ihr abwusch. Getrocknete Rosenblätter trieben auf der Oberfläche, und das Rosenöl, ihr bevorzugter Badezusatz, erfüllte den Raum mit seinem schweren, sinnlichen Duft.
Dies war ihr Rückzugsort, ihre Oase, ihr Tempel des Wohlbefindens. Sie klappte die Augen auf und sah sich in dem von ihr gestalteten Bad um. Im gesamten Haus gab es nur diesen einen Raum, in dem ihre Vorstellungen umgesetzt worden waren. Für alle anderen Zimmer hatte Maik die Entscheidung allein getroffen. Jeden Einwand, dass seine Frau als gelernte Innenarchitektin besser dafür geeignet gewesen wäre, wischte er einfach vom Tisch. Schon damals hätte ich merken müssen, dass unsere Lebenseinstellungen nicht zueinander passten. Träge zog ihre Hand Linien durch den zarten Schaum. Wieso habe ich mich dazu überreden lassen, meinem Job aufzugeben? War es wirklich aus Liebe? Ich hatte doch ein eigenes Leben! Wie konnte ich das aufgeben, ohne es überhaupt zu merken?
Jetzt eroberte sie sich ihre Selbständigkeit langsam zurück. Eine Arbeitsstelle, selbst verdientes Geld - alles Dinge, die in dieser Zeit normal sein sollten. Aber für Maik bedeutete es eine Provokation. Er hatte angefangen zu trinken und sie zu bedrohen.


Sie hatte ihn nicht kommen hören und fuhr erschreckt hoch, als die Tür aufflog. Unsicher wankte er herein und blieb vor der Wanne stehen. Er schnaubte verächtlich. "Da ist sie ja, meine Ehefrau. Lungert hier im Wasser rum wie so ein Popstar. Fühlst du dich jetzt wie ein Star, Lara? Muss toll sein, allen zu zeigen, dass man mehr drauf hat als der eigene Ehemann, oder?" Er taumelte einen weiteren Schritt auf sie zu und stieß gegen den Hocker. Fast wäre der Föhn heruntergefallen, doch er schaffte es gerade noch, ihn aufzufangen. Da stand er vor ihr, den Föhn in der Hand und die Steckdose in unmittelbarer Reichweite. Lara konnte ihn nur anstarren. Es würde wie ein Unfall aussehen. Sie suchte seinen Blick und las darin Wut, aber auch Unsicherheit und Schrecken. Ein paar Herzschläge lang starrten sie sich an, dann ließ Maik den Föhn krachend auf den Boden fallen und stürmte aus dem Bad.


Es dauerte eine Weile, bis das Zittern nachließ und sie aus der Wanne steigen konnte. Heute Nacht würde sie im Hotel schlafen, und morgen - war es an der Zeit, endlich zu gehen.

 

© 2016 Anathea North

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Tempel - Popstar - Badezusatz