Einstellungssache

 

Mit gerunzelter Stirn musterte Iris Becker die Gestalt, die den gepflegten Kundenbereich betrat. Ein langer, offensichtlich verdreckter Mantel umflatterte die zierliche alte Frau. Auf dem Kopf trug sie eine Art Cowboyhut, und um den Hals waren gleich zwei bunte Schals gewickelt. Die wie aus Ei gepellte Bankangestellte rümpfte die Nase, doch beim Anblick des Einkaufswagens, der munter über den frisch gereinigten Teppich hüpfte, quollen ihr fast die Augen aus dem Kopf. Was suchte hier eine Landstreicherin mit ihrem Müll?! Iris Becker musste ihre ganze Beherrschung aufbieten, um wenigstens eine halbwegs neutrale Miene aufzusetzen, als die Frau direkt auf sie zusteuerte.
"Guten Tag." Die unappetitlich wirkende Besucherin lehnte sich gegen den Kundenschalter und streckte Iris Becker die Hand entgegen.
Diese nickte nur kühl zur Antwort, behielt ihre Finger auf der Tastatur und unterdrückte den Drang, einen Putzlappen zu zücken.

"Was kann ich für Sie tun?"
Die aufdringliche Vagabundin kniff die Augen zusammen und schenkte ihrem spröden Gegenüber dann ein freundliches Lächeln. "Ich frage mich, ob Sie mir wohl helfen können. Ich habe da nämlich ein Problem." Als eine Reaktion ausblieb, fügte sie hinzu: "Die Kiste ist inzwischen voll, und für eine Größere ist der Schuppen zu klein."
"Tut mir leid, Sie sind hier in einem Bankinstitut! Mit Holzarbeiten befassen wir uns nicht." Mit wachsendem Unmut sah Iris Becker, dass die Frau in den Wagen griff, um ihr eins der vielen Päckchen zu reichen.
"Aber damit bin ich doch richtig bei Ihnen, oder?"
Die Bankangestellte starrte auf das Geldbündel. "Was?" Ihr Blick fiel auf die Hand, die das Geld hielt, feingliedrig, sauber und gepflegt. Die Augen huschten über den Mantel, der sich als Malerkittel mit bunten Farbklecksen und Pinseln in den Taschen entpuppte.
"Nicht was, sondern wer, meine Gute." Die alte Dame tätschelte ihr die Hand. "Sie haben doch sicher von Knut Knubbelstein gehört, dem Erfinder?" Iris Becker nickte benommen. Jeder kannte den berühmtesten Sohn des Ortes.

"»Tja, mein Vater hat viel erfunden, aber eine Kiste mit dehnbarem Fassungsvermögen war leider nie dabei. Jetzt quillt das Ding über, und ich dachte, ich bringe den Inhalt mal bei Ihnen vorbei."
"Sie lagern Bargeld? Zuhause? Im Schuppen? In einer Kiste?«"
Die Kundin winkte ab. "Ist doch nur Geld, Schätzchen."
Mit einem Seufzer fiel Iris Becker in Ohnmacht.

 

 

© 2016 Anathea Westen

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Bankinstitut - Erfinder - Einkaufswagen