Etwas übertrieben

 

"Also, Leute!" Bea spähte durch das Café und beugte sich verschwörerisch zu uns vor. "Was macht ein Typ mit einem Schnürsenkel auf einem Dixi-Klo?"

"Boah, nee, muss das jetzt sein?" Mandy ließ den Löffel mit der Mokka-Creme angewidert sinken. "Bist du auf Diät und willst uns den Genuss verderben, oder was soll diese ekelige Frage?"

"Wieso denn ekelig?« Bea wandte sich mir zu. »Marie, ist das etwa keine spannende Idee?"

"Ich traue mich kaum, darüber nachzudenken! Aber da du nicht locker lassen wirst - was macht der Typ mit dem bedauernswerten Schnürsenkel?"

Wir starrten Bea an, und diese erwiderte unsere Blicke mit gerunzelter Stirn. "Wie jetzt? Das ist meine Frage! Was könnte er anstellen?"

Mandy schob resolut ihr Dessert beiseite. "Okay, was wird das hier? Soll das so etwas wie Aufklärungsjournalismus sein? Womöglich noch im wahrsten Sinne des Wortes? Oh Mann, ich werde mich heute Nacht mit Alpträumen herumplagen ..."

Bea rollte mit den Augen. "Es gab Zeiten, da ward ihr kreativer! Die Herausforderung lautet: Nimm das Erste, was du beim Verlassen deines Hauses siehst sowie den Gegenstand, der dir danach fürchterlich auf die Nerven geht und mache eine Geschichte daraus." Unsere betont ausdruckslosen Gesichter machten ihr klar, dass wir immer noch auf dem Schlauch standen. "Ein Wettbewerb für Schriftsteller! Dem Gewinner winkt eine Buchveröffentlichung, da muss ich einfach teilnehmen."

"Okay." Mandy löffelte weiter ihre Creme. "Jetzt können wir dir folgen! Das Dixi-Klo steht echt auf der Baustelle gegenüber. Und der Schnürsenkel?"

Bea griff in ihre Tasche und zückte ein zerrissenes Exemplar. "Irgendeine Idee dazu?"

"Klar, du sperrst deinen aktuellen Lover auf das Klo und lässt ihn erst wieder raus, wenn er ein Kunststück mit dem Senkel hinlegt." Ich grinste Bea frech an - die Sache begann, Spaß zu machen.

 

Am übernächsten Abend klingelte eine völlig aufgelöste Mandy bei mir Sturm. "Hast du mitbekommen, dass Bea verhaftet worden ist?"

"WAS?"

Kopfschüttelnd und gleichzeitig kichernd warf sich meine Freundin aufs Sofa. "Sie hat ein klein wenig übertrieben. Hat einen Typen aufgerissen und ihn dann zusammen mit einem Schnürsenkel in dieses olle Dixi-Klo gesperrt. Quasi ein Feldversuch nach deinen Vorgaben." Ich starrte sie fassungslos an, aber Mandy sah das Ganze pragmatischer. "Mit der Story sollte sie beste Chancen bei dem Wettbewerb haben."

 

© 2016 Anathea Westen

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Dixi-Klo - Schriftsteller/in - Schnürsenkel