Heinrich auf dem Dach

 

"Gertie, Liebchen!" Mit hochrotem Kopf kam Herbert um die Hausecke geeilt und fuchtelte mit einem Zettel in der Luft herum.

Seine Frau Gertrude schaute überrascht von ihrem Gemüsebeet auf. "Was ist denn los? Schön langsam, sonst fällst du mir noch in die Zwiebeln."

Außer Atem blieb er auf dem Gartenweg stehen. "Was haben wir uns vorgenommen, falls wir im Lotto gewinnen? Kannst du dich erinnern?"

"Herrje, und deshalb rennst du herum wie ein aufgescheuchtes Huhn?" Gertie strich sich die Haare aus der Stirn und musterte ihren Mann mit einem Stirnrunzeln. "Wir sagen niemandem etwas, kaufen uns ein Häuschen im Süden und verdrücken uns dann klammheimlich." Sie grinste. "Das war der Plan, oder?"

Herbert schwenkte wieder den Arm durch die Luft, und nun erkannte sie, dass er mit einem Lottoschein herum wedelte. "Es ist so weit", jubelte er und senkte die Stimme schnell zu einem Flüstern. "Fünf Millionen, Liebchen, fünf Millionen!"

"Was?" Auch Gertie wollte gerade losjubeln, doch es wurde ein entsetzter Aufschrei daraus, als eine Windböe das Papier aus Heinrichs Fingern riss und es durch den Garten wirbelte. Beide liefen hinterher, aber es schien, als wäre der Wind zu Späßen aufgelegt. Immer wenn der wertvolle Schein fast in Reichweite war, pustete eine Brise das gute Stück weiter davon. Eine besonders verspielte Böe ließ das Blatt Papier aufsteigen und sanft auf dem Garagendach landen.

 

"Ich brauche die Leiter." Heinrich stürmte in die Garage und überhörte den Protest seiner Frau.

"Das ist viel zu gefährlich. Bitte denk an dein krankes Bein. Wenn du da runterfällst!"

Doch Herbert dachte nur noch an das schöne Leben, das gerade versuchte, ihm davonzufliegen. Trotz der Schmerzen gelangte er auf das Dach. Suchend irrten seine Blicke umher, aber der bunte Lottoschein blieb verschwunden. Der Magen krampfte sich vor Enttäuschung zusammen, das Bein brannte wie Feuer - wie in aller Welt sollte er Gertie beibringen, dass das unerwartete Glück nur ein paar Minuten angedauert hatte?

"Herbert!" Ihr strenger Tonfall verhieß nichts Gutes. Als er über den Rand schaute, funkelte sie ihn wütend an. "Das war doch nur der Schein, oder? Und die Quittung, auf die es ankommt, liegt wie immer in der Kommode?" Das strahlende Lächeln, das er ihr für diese Worte schenkte, vertrieb ihre üble Laune keineswegs. "Und, du Stuntman? Wie kommst du da jetzt wieder runter?"

 

 

© 2016 Anathea Westen

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Garage - Stuntman - Lottoschein