Kindermund macht's Leben bunt


"Mama", meine Tochter Anna kommt in die Küche geschossen, wo ich einen Kuchen zubereite. "Jenny und ich, wir werden Hebamme!"
Ich grinse die Rührschüssel an. Es handelt sich immerhin um den dritten Traumberuf in nur einer Woche. "Soso, und wie kommt ihr darauf?" Der Teig wandert in die Kuchenform, die Schüssel wechselt in die bereits danach ausgestreckten Hände.
"Sophie sagt das." Zufrieden lutscht Anna die erste Portion von den Fingern. "Sie hat der Katze von Opa Lehmann bei der Geburt der Kätzchen geholfen. Die sind so winzig! Und als Hebamme hilft den Mamas, wenn die Babys auf die Welt kommen." Konzentriert legt sich der Zeigefinger in die Kurve und befördert einen dicken Klumpen in den Mund. Dann saust er in die Höhe, jetzt kommt das Wichtigste. "Und man muss den richtigen Job finden, sonst bleibt man im Mauseum."
"Du meinst Museum."
"Nö, ich weiß doch, was ein Museum ist." Mir schlägt rechtschaffene Empörung entgegen. "Da wohnen Bilder, aber im Mauseum, da leben eben Mäuse."
Das Gespräch mit einer aufgeweckten Fünfjährigen kann zu einer echten Herausforderung mutieren. "Ach so, und wer hat dir davon erzählt?"
"Sophie sagt, da landet man, wenn man nicht aufpasst. Und da sind nur tote Leute und Särge. Und natürlich Mäuse."
"Oh, du meinst ein Mausoleum."
"Ja, sag ich doch!" Die Kleine schaut mich mit gerunzelter Stirn an - vielleicht, weil die Schüssel schon leer geschleckt ist, vielleicht aber auch, weil sie ihre Mutter für etwas begriffsstutzig hält. "Und Sophie hat gesagt, dass man dafür sorgen muss, dass die Mama und die Babys bestens versorgt sind." Seufzend reicht sie mir die blankgeputzte Rührschüssel zurück und sieht sich nach weiterer Beute in der Küche um.
Sophie ist eine aufgeweckte 17-Jährige aus der Nachbarschaft und das Idol von Anna. Ich weiß allerdings aus Erfahrung, dass sie auch gerne für Überraschungen sorgt, die nicht jedem gefallen. Vorsichtshalber frage ich nach. "Weißt du denn, wo sie die Kätzchen untergebracht hat? Am Ende stören sie Opa Lehmann?"
"Ach was!" Anna winkt ab und schnappt sich zwei Äpfel. "Miez hat ein Nest im alten Schuppen, da geht er doch nie rein. Das Tuppa sucht er dort auch nicht, sagt Sophie." Zufrieden hüpft sie davon und hinterlässt mir die undankbare Aufgabe, das Toupet von Opa Lehmann möglichst unauffällig aus dem Katzennest zurück auf den Kopf des Besitzers zu bekommen.

 

© 2016 Anathea Westen

Entwickelt als DWG (Drei-Wörter-Geschichte)

Umfang: ca. 2.400 Zeichen / Wörter: Mausoleum - Hebamme - Toupet