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Türchen Nr. 3 "Traum"

 

Grüner Mond

 

Als Oxy in ihrem Gleiter auf den grün leuchtenden Trabanten des Planeten DAX2b4 zuflog, wurde sie immer stärker, diese innere Unruhe. Als hätte sie dort unten einen dringenden Termin, was unmöglich war, da niemand auf diesem Mond lebte. Je näher sie der Oberfläche kam, desto größer wurde ihr Staunen. Es waren endlose Wälder, die den Trabanten bedeckten und ihm dieses kräftige Grün gaben, darunter Nadelhölzer, die Oxy nur aus alten Märchenclips kannte.

Für diese Bäume würde man ein Vermögen bekommen, denn die Erinnerung an den alten Weihnachtsbrauch lebte noch weiter, obwohl es dieses Fest sowie echte Bäume seit Ewigkeiten nicht mehr auf der Erde gab.

 

Nach der Landung auf einer der wenigen Lichtungen wagte sie sich hinaus, fühlte sich bald ganz losgelöst. Eine frische, saubere Luft wie diese hatte sie noch nie eingeatmet. Der Sauerstoff perlte durch ihren Körper, schien zusätzliche Sinne zu aktivieren. Deshalb dachte sie zunächst auch an einen Traum, eine Vision, als sie die hochgewachsene Frau in grüner Kleidung entdeckte, die zwischen den Bäumen auf sie zu warten schien. Erst als sie angesprochen wurde, begriff sie, dass die Gestalt aus Fleisch und Blut war, obwohl die Scanner keinerlei Lebensform angezeigt hatten.

„Wurde Zeit, dass du endlich auftauchst. Wir begannen schon zu zweifeln.“

„Ich verstehe nicht…“

„Du bist unsere Auserwählte. Du kennst jene gut, die kommen werden, um unsere Welt zu plündern. Du wirst uns vorbereiten und gegen sie in den Widerstand führen.“

Oxy sah weitere Gestalten aus dem Grün hervortreten, bevor ihr die Sinne schwanden.

 

(Anathea DellEste)

 

 


Nächtlicher Besuch

 

„Heute Nacht stand ein Rentier in unserem Garten.“ Zufrieden sah Jule, dass ihre beiden Schwestern überrascht das Kauen vergaßen. „Es heißt Hove und wollte sich ausruhen, bevor es zurück zum Weihnachtsmann geflogen ist.“

Ella und Sara kicherten. „Klar, und hat es unterwegs auch beim Osterhasen Halt gemacht?“

„Nein, davon hat es nichts gesagt.“ Sie schüttelte den Kopf, dass ihre Zöpfe flogen. „Es war in der Gegend, weil in der Nähe ein paar Wichtel wohnen, die Holzspielzeuge für den Weihnachtsmann machen.“

„Quatsch! Es gibt keinen Weihnachtsmann“, befand Sara als Älteste.

Ella, die immer zu Sara hielt, nickte. „Und sprechende Rentiere sowieso schon mal nicht.“

„Gibt es wohl.“

„Gibt es nicht!“

„Kinder, streitet nicht. Der Bus kommt gleich.“

„Mama, Jule spinnt. Die glaubt noch an den Weihnachtsmann und spricht mit Rehen im Garten.“ Mit diesen Worten stand Sara auf, um sich für die Schule fertig zu machen, gefolgt von Ella, die versuchte, genauso verächtlich zu gucken wie ihre ältere Schwester.

Jule schaute ihre Mutter ernst an. „Das war kein Reh, sondern Hove.“

„Hove?“

Sie nickte. „Ein Rentier, das für den Weihnachtsmann arbeitet.“

Ihre Mutter drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. „Das war bestimmt ein wunderbarer Traum, aber jetzt wartet die Schule.“

Ich habe nicht geträumt, dachte Jule. Ich habe den Beweis. Sanft strich sie über das Glöckchen in ihrer Tasche, das Hove ihr zum Abschied gegeben hatte. In der Weihnachtsnacht würde es ganz leise läuten, wenn der Schlitten hoch oben vorbeifuhr. Lacht ruhig, aber ich werde Hove wiedersehen.

 

(Anathea Westen)

 

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