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Türchen Nr. 5 "Licht"

Wer ist der Wolf

 

Das silbrige Licht des Vollmonds drang durch die Ritzen der Holzbretter, aus denen die alte, schäbige Hütte einst gezimmert worden war. Viel zu hell, schoss es Ria durch den Kopf. Sie konnte mühelos die kleinen weißen Dampfwölkchen sehen, die ihrem Mund entströmten, um sich durch die Spalten ins Freie zu schlängeln. Sie hatte gehofft, dass eine flache Atmung bei geöffnetem Mund das beste Mittel wäre, um ein lautes Schnaufen nach ihrer hektischen Flucht zu vermeiden. Doch in dieser Kälte wirkte jeder Atemzug wie ein verräterisches Rauchzeichen, das ihrem Verfolger den direkten Weg zu ihr wies. Während sie noch krampfhaft überlegte, was schlimmer war – hörbares Schnaufen oder sichtbares Dampfen, drang wieder dieses Knurren an ihr Ohr, das die Hetzjagd ursprünglich ausgelöst hatte.

 

Es gibt keine Werwölfe. Es gibt keine Werwölfe. Wie ein Mantra wiederholte sie diesen Satz wieder und wieder, doch die beruhigende Wirkung blieb aus. Sie hatte überhaupt nicht mehr an die Gerüchte gedacht, die seit Wochen im Internat kursierten, als sie Joao hinterhergeschlichen war. Sie war nur neugierig gewesen, weshalb sich dieser attraktive Neuankömmling mitten in der Nacht aus dem Haus schlich. Wie blöd muss man eigentlich sein, hielt sie sich selbst vor, während sie versuchte, möglichst wenig zu atmen. Spätestens, als der Typ anfing, sich das Shirt vom Leib zu reißen, hättest du umkehren müssen, aber nein…

 

Entsetzt stellte sie das Denken ein, als sie begriff, weshalb sich die Atemschwaden vor ihr verdichteten. Er stand draußen, genau auf der anderen Seite der löcherigen Bretter!

 

(Anathea DellEste)

 


Vorbei

 

Sie war das Licht seines Lebens gewesen. Nur dank ihrer Unterstützung war er zu dem geworden, was heute alle bewunderten – ein vermögender und einflussreicher Mann, der sein Leben im Griff hatte. Nur er selbst war sich stets bewusst gewesen, dass es ihre Stärke und auch ihr Vertrauen in seine Fähigkeiten waren, die ihn auf diesem Weg des Erfolgs stetig voranbrachten. Seit über zwanzig Jahren hielt sie ihm den Rücken frei, schuf in ihrem gepflegten Heim eine anspruchsvolle Kulisse für vertrauliche Besprechungen mit Leuten, die sich nur ungern in der Öffentlichkeit zeigten, und betörte diese mit Charme, Witz sowie intelligenten Gesprächen.

Er trat an das Fenster des Salons, das schon so manchem Besucher mit seinem überwältigenden Panorama die Sprache verschlagen hatte. Sein Blick glitt über die zerklüftete Wildnis, an den vereinzelten, von Jahrtausenden gezeichneten Felssäulen hinab bis in die rauen Spalten, die sich tief in das Gestein gefressen hatten. Nach ihrem Einzug hatte sie sich einen Spaß daraus gemacht, eine Videokamera an einem langen Seil in diese Tiefe direkt vor ihrer Terrasse hinabzulassen, und zusammen hatten sie gestaunt - über die unerwartet bunten Farben, die verschiedenen Gesteinsschichten, die dunklen Spalten, die wie Eingänge in unbekannte Höhlensystem wirkten. Bis auf den Boden war diese Kamera aber nie vorgedrungen.

Nun war ihr Licht erloschen, war verglüht, als er sie, ohne zu überlegen, in die Tiefe gestoßen hatte. Aber immerhin würde sie bei ihm bleiben, unsichtbar und doch ganz nah. Wieso hatte sie von Trennung sprechen müssen? Das war nie eine Option gewesen.

 

 (Anathea North)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Havenne Therese (Mittwoch, 05 Dezember 2018 08:08)

    Guten Morgen,

    Deine heutigen Texte haben es in sich. Besonders den Krimi. Das ist so wirklich detailgenau durchdacht und beschrieben, verschafft dem Ganzen Atmosphäre. Man ahnt nicht worauf der Text zielt. Das kommt erst zum Schluß. Den habe ich aber nicht erwartet. Was mir gut gefällt, ist wie viel ich auf so wenigem Raum über beide Protagonisten erfahre. Bin gespannt, was noch kommt.

    LG

    Therese