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Januar - Jugendsünde: Die weiße Prinzessin

Die weiße Prinzessin

 

Als Kinder liebten wir es, die Fremde zu besuchen, uns zu ihren Füßen niederzulassen und ihren Erzählungen von unbekannten Orten und Menschen zu lauschen. Es muss ein wunderlicher Anblick gewesen sein: Ein Haufen braungebrannter, dunkelhaariger Mädchen und Jungen im baumwollenen Kaftan, die sich in einem Halbkreis um die bleiche Schönheit mit ihren seidenen Gewändern scharten. Während wir beim Zuhören an spannenden Stellen unsere bloßen Zehen in den Boden gruben, bis sie ganz staubig waren, blieben ihre Füße in den goldenen Sandalen stets sauber und weiß.

Ich war nicht die Einzige, die die helle Haut und die goldenen Locken der Prinzessin stets aufs Neue bewunderte. Bevor sie mit ihren beiden Leibwächtern, ihrem Koch und den Dienerinnen wie aus dem Nichts in unserem Ort auftauchte, hatten wir nicht gewusst, dass es Leute gab, die so anders aussahen als wir. Wenn sie uns in ihre Geschichten eintauchen ließ, öffneten sich neue Welten für uns. Nie zuvor hatten wir davon gehört, dass es irgendwo auf der Welt so viel Wasser gab, um ganze Häuser aus Holz darauf schwimmen zu lassen. Oder dass es derart kalt werden konnte, dass Regentropfen zu Eis wurden und die Landschaft weiß färbten.

 

Aber irgendwie war nie jemand von uns darauf gekommen, sie nach dem Grund zu fragen, warum sie all diese Wunder hinter sich gelassen hatte, um sich bei uns niederzulassen. Erst als ich fortgeschickt werden sollte, lief ich eines Tages mit all diesen Fragen zu ihr.

„Bist du freiwillig von deinem Zuhause weggegangen?“, wollte ich wissen. „Hattest du keine Angst vor der Fremde? Und hast du denn niemals Heimweh? Nach deiner Familie, deinen Freunden und den Orten, die du als Kind geliebt hast?“

Lange sah sie mich aus ihren seltsam hellen Augen an, bevor sie antwortete: „Nein, freiwillig bin ich nicht gegangen. Meine Familie, mein Volk hat mich verstoßen.“ Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht, als ich erschrocken aufstöhnte. „Bei euch wird man ausgeschlossen, wenn man ein schweres Verbrechen begeht. Bei uns reicht es aus, wenn man sich in die falsche Person verliebt. Eine Jugendsünde sozusagen“

Ich horchte auf. „Du wurdest einem Mann versprochen und hast dich dann einem anderen hingegeben?“

Die Prinzessin im Exil nickte. „Aber das war nicht das Schlimmste. Wäre es einfach nur ein Mann gewesen, hätten meine Eltern ihn aus dem Weg geräumt, ihm viel Geld geboten oder ähnliches. Doch meine Wahl war…“ Sie zögerte und blickte in die Ferne. Das tat sie oft, als würde sie darauf warten, etwas Besonderes am Himmel zu erblicken.

„Deine Wahl war was?“, bohrte ich nach.

Ihr Blick schwenkte zurück ins Hier und Jetzt. „Nun, ‚außergewöhnlich‘ wäre wohl das passende Wort.“ Sie lächelte wieder, dieses Mal aber liebevoll, als sie das Unglaubliche gestand. „Mein Geliebter war ein Ritter der Lüfte.“ Und als sie das Unverständnis in meinem Gesicht las, fügte sie hinzu: „Mein Herz gehört einem Drachen, mein Kind.“

 

(Anathea DellEste)

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Kommentare: 1
  • #1

    Paul (Dienstag, 05 Februar 2019 17:36)

    Liebe Anathea,
    tolle kleine Geschichte, in der eine wunderbar magische Welt wohnt. Ich hatte am Ende einen wohligen
    Schauer von Gänsehaut.
    Hat mir gut gefallen!

    LG Paul