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Jede Geschichte ist einzigartig


 

 Puh, heute hat Frauchen ganz schön mit mir geschimpft – weil ich mich mit Bela, der Hündin von nebenan, gezankt habe und Duke vor Schreck die Treppen hochgeflüchtet ist. Kann ich doch nichts dafür, dass er noch so ein Weichei ist!

 

Na ja, wie immer habe ich mich schnell wieder mit Frauchen vertragen, aber als ich erklären wollte, wie recht ich habe, da hat sie nur mit dem Kopf geschüttelt. Sie meinte, dass es viele Geschichten zu unserem Zickenkrieg gäbe...

 

Gipsys Geschichte:

Nebenan wohnte schon immer Leo, der Airedale Terrier, ein echt dufter Kumpel zum Raufen. Und er gehörte nur mir, weil er immer an der Leine ist und nicht mit anderen Hunden spielen durfte. Bis da auf einmal diese Bela aufgetaucht ist, die jetzt bei ihm im Haus wohnt und jeden Tag mit ihm im Garten spielt.

 

Eigentlich wollte ich ja ihre Freundin werden, aber ich kann Hunde nicht ausstehen, die einen auf schüchtern und sensibel machen. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, tut sie, als wäre ich ein Ungeheuer, was mich irre sauer macht. Heute ignoriere ich sie einfach, zumal sie ja eh immer wie eine Mimose wegschaut. Aber wenn wir uns am Gartenzaun begegnen, wird die richtig frech und keift mich an. Ha, da muss ich ja wohl zurückschimpfen, das verlangt die Hundeehre nun einmal! 

 

Belas Geschichte:

Über ein Jahr habe ich auf den Straßen Rumäniens überlebt. Das war nicht einfach, denn man musste sich als junger Hund stets vor bösen Menschen, aber auch vor aggressiven Artgenossen in Acht nehmen. Ich bin so froh, dass ich jetzt eine eigene Familie, ein Haus mit Garten und sogar noch einen netten Kumpel zum Spielen habe. Wenn da bloß nicht diese Zicke von nebenan wäre, die den Frieden stört.

 

Leo findet die Kratzbürste toll, und eigentlich wollte ich ja auch ihre Freundin werden, aber die kam sofort so selbstsicher, so überheblich auf mich zu, dass mir das Herz ins Fell gerutscht ist. Und als ich mich unterwürfig gab, damit sie weiß, dass ich nichts Böses will, hat sie mich glatt angeblafft, dass ich mich nicht wie eine Prinzessin aufführen sollte. Frechheit! Wenn wir uns auf Spaziergängen begegnen, tue ich einfach so, als wäre sie Luft, aber wenn sie ganz unverschämt an der Grenze unseres Grundstücks auftaucht, dann sage ich ihr so richtig die Meinung. Sie kann zwar zurückmotzen, aber tun kann sie mir nichts; da ist nämlich der Zaun dazwischen – ätsch!

 

Und natürlich wäre es wieder eine ganz andere Geschichte, wenn Frauchen oder Belas Frauchen davon erzählen würden. Ganz schön verwirrend! Und irgendwie ist es schon gemein, dass Frauchen mir solche Dinge erklärt. Denn Bela liegt drüben friedlich in ihrem Körbchen und ist sich ganz sicher, dass ihre Sicht der Dinge die einzige ist. Während ich hier jetzt vor mich hin grübele, denn ich kenne nun ja schon zwei der möglichen Geschichten.

Echt, als Hund hat man es schon nicht leicht mit den Menschen, die immer alles so kompliziert machen müssen.