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Monatsgeschichte Februar: Lichtbringer

Lichtbringer

 

Langsam gleitet Stephanies Hand über das Buch. Punkt um Punkt erfassen ihre Finger den Text. In ihrer Fantasie tauchen Bilder in längst verblassten Farben auf. Nur verschwommen kann sie sich erinnern, wie bunt die Welt ist. Heute ist Schwarz das einzige, das sie sehen kann. Ihr Umfeld wird vom Hör- und Tastsinn wahrgenommen. Unten läutet es.

 

"Hallo, Frau Krug. Darf ich zu Fanny?“

„Ich frag mal nach, Thomas.“

Stephanie zuckt zusammen. Hat sie richtig gehört? Denkt wirklich noch jemand aus ihrer alten Klasse an sie? Sie greift ihren Blindenstock und geht nach unten. Auf halbem Weg bleibt sie stehen, denn das Knarzen verrät ihr, dass ihre Mutter bereits die vierte Stufe erreicht hat.

„Fanny, da ist jemand für dich.“

„Ich komme.“ Mit klopfendem Herzen geht Fanny zu Thomas. Warum ist er hier?

„Tag, Fanny. Morgen ist Lichtmesstag. Kommst du mit?“

Fanny bleibt abrupt stehen. Wie soll denn das gehen? Seit dem Unfall kann sie nicht mal mehr auf den Spielplatz herumtoben. Oder verstecken spielen. Fangen schon gar nicht.

„Thomas, das ist lieb von dir. Aber Fanny kann nicht mehr.“

„Wieso?“

Frau Krug schürzt die Lippen. Wie soll sie dem Buben zu verstehen geben, dass seine Freundin nicht von Haustür zu Haustür mit Blindenstock und Lampion ziehen kann? In vertrauter Umgebung kommt sie gut klar, aber anderswo nicht.

„Sie sieht nichts. Aber sie hat noch ihre Stimme. Und ich muss läuten gehen. Das Los ist auf mich gefallen. Wir bleiben auf dem Bürgersteig. Außerdem kommt meine Mama mit. Sie kann gut aufpassen, sie ist Polizistin. Bitte!“, zieht der Junge sie aus ihren sorgenvollen Gedanken.

„Ich weiß nicht.“

„Mhh, dann Plan B.“

„Wie Plan B?“

Thomas pfeift. Drei Kinder kommen mit einem Holzwagen um die Ecke gebogen. En wunderschöner Lampion hängt vorne an einem Mast.

„Oh Kinder!“ Frau Krug schlägt sich die Hände vors Gesicht.

Auch Fanny tritt neugierig heraus, lauscht. Das Quietschen der Räder ist ihr nicht entgangen. „Was ist da draußen?“

Thomas lacht, ergreift vorsichtig Fannys Hand. „Ein Wagen, um dich zu fahren. Dann kannst du deinen Lampion halten und brauchst den Stock nicht. Mein großer Bruder kommt extra dafür mit. Er ist kräftig. Papa kommt auch.“ 

Fanny lächelt. Zum ersten Mal seit sie in der Finsternis lebt.  „Oh Thomas. Du, ich hab kein Lampion.“

„Ich habe einen besorgt. Möchtest du ihn seh…? Tschuldigung,  das war blöd.“

Fanny drückt den Schulfreund. Ihre Wangen sind feucht. „Ich will ihn sehen. Mit meinen Fingern. Dann musst du mir erzählen, was drauf ist.“

„Geht klar. Magst du immer noch Schmetterlinge?“

 

Am nächsten Abend zieht ein seltsamer Zug über den Bürgersteig. Üblicherweise gehen die Kinder in Gruppe, mit einem Erwachsenen vorne und einem hinten durch die Gasse. Hier sitzt eines in einem mit Lichterketten geschmückten Wagen, der von zwei Teens gezogen wird. Eigentlich gehen Kinder ab zwölf nicht mehr mit. Als der Wagen näherkommt, erkennen die Menschen Stefanie, die sich nach einem grausamen Unfall verkrochen hatte. Jugendliche hatten mit Feuerwerkskörpern gespielt, deren Leichtsinn kosteten sie das Augenlicht. Und nun kommt sie singend und lachend über die Straße.

So tragen die Kinder neben dem Licht ihrer Lampions noch ein anderes in die Nacht - Hoffnung und Zusammenhalt.

 

(Havenne Therese, Autorin aus Luxemburg)

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