· 

Monatsgeschichte März: Krähenmond

Krähenmond

 

Am abendlichen Lagerfeuer hielt Dinka ihre Füße mit den durchweichten Stiefeln so dicht wie möglich an die tanzenden Flammen, um sich die Zehen zu wärmen. Nach all den verregneten Tagen hatte sie das Gefühl, nie wieder trocken zu werden, und sie hätte alles dafür gegeben, endlich mal wieder ein Dach über dem Kopf zu haben. Den anderen hingegen schien die Sintflut nichts auszumachen Mürrisch ließ Dinka ihren Blick über die bunt zusammengewürfelte Truppe schweifen. Ihr unverschämter Retter hatte sich ihr als ‚rastloser Wanderer‘ vorgestellt, aber das Grinsen seiner Weggefährten bei diesen Worten deutete sie als Hinweis darauf, dass er ihr damit keineswegs die Wahrheit gesagt hatte. Sie brauchte nicht lange, um herauszufinden, dass außer ihr nur noch Gronte, der junge Chronist auf Wanderschaft, rein zufällig in diese Gesellschaft geraten war. Die anderen schienen schon länger zusammen unterwegs zu sein, wobei der düstere Wanderer namens Rune eindeutig von allen als Anführer angesehen wurde. Dass sich ein Vagabund und Spieler wie Jiris einem vorbeiziehenden Wanderer anschloss, um nicht allein unterwegs zu sein, fand Dinka einleuchtend, aber schon die Anwesenheit der beiden Krieger kam ihr seltsam vor. Zwar war es irgendwie tröstlich, eine zweite Frau dabei zu haben, doch Keti hatte gleich bei der ersten Unterhaltung sehr deutlich gemacht, dass ihr Interesse zuerst ihrem Schwert und danach ihrem Gefährten Norgon galt.

„Wenn du etwas über den Umgang mit Waffen oder die Verteidigung gegen Übergriffe wissen willst, dann bist du bei mir richtig, Kleine. Aber komm mir bloß nicht mit dem üblichen Weiberkram“, bekam Dinka als Antwort auf ihren ersten vorsichtigen Annäherungsversuch. Jedes weitere Kompliment über die fantastisch sitzende Rüstung oder die schimmernden, hellblonden Haare würde sie sich in Zukunft mit Sicherheit verkneifen.

Ein lautes ‚Krah‘ riss sie aus ihren Gedanken, und sie schaute hinüber zu der seltsamsten Gestalt unter ihnen, die es sich ein wenig abseits der anderen auf einem umgestürzten Baumstamm bequem gemacht hatte. Wie passte ausgerechnet ein Elb in diese Schar? Als hätte er ihren Gedanken gehört, blickte er auf, und auch die Krähe auf seiner Schulter drehte den Kopf in Dinkas Richtung. Der schwarze Vogel hatte die anderen auf ihre hoffnungslose Situation aufmerksam gemacht, und obwohl sie insgeheim wusste, dass sie ihm zumindest ein klein wenig dankbar für die Rettung sein sollte, fand sie ihn eher gruselig. Genauso wie seinen Besitzer, obwohl das wahrscheinlich nicht das richtige Wort für die Beziehung dieser beiden war, die sich ohne Worte zu verständigen schienen. Als sich die Lippen des Elben zu dem gewohnt spöttischen Lächeln verzogen, senkte Dinka den Blick schnell zurück auf die Flammen. Rasch zog sie die inzwischen recht warm gewordenen Stiefel zurück. Das fehlte noch zu ihrem Glück, dass das Schuhwerk in Flammen aufging, und sie sich damit wieder dem Gelächter der anderen aussetzte. Sie merkte, wie sie errötete, als sie an die erste Begegnung mit Sree-Balan, dem Sternen-Elb, zurückdachte.

 

Sie war ihrem Retter bis zu seinem Lager gefolgt, hatte mit Erleichterung festgestellt, dass sie mit diesem knurrigen Kerl nicht allein sein würde, und dann trat plötzlich diese helle, wunderschöne Erscheinung aus der Dunkelheit ans Feuer. Ihr war sofort klar gewesen, dass es sich nur um einen Elben handeln konnte, und dennoch entsprach er keineswegs dem Bild, das sie sich von diesem sagenhaften Volk gemacht hatte. Sprachlos und mit großen Augen starrte sie ihn an, bis Rune ihr einen Stoß versetzt hatte.

„Noch nie einem Elben in Fleisch und Blut begegnet, nehme ich mal an. Aber sieh dich ruhig satt, Balan ist es gewohnt, dass Menschen ihn angaffen.“

„Was heißt denn hier ‚angaffen‘?“, hatte sie ihn angefaucht, und damit die Männer zum ersten Mal zum Lachen gebracht. „Da, wo ich herkomme, sehen Elben halt anders aus. Von solch weißen Elben habe ich noch nie gehört.“

Doch Rune schnaubte nur, und der Vagabund zupfte laut an seiner Klampfe, um ebenfalls seinen Senf dazuzugeben: „Na, Kindchen, ich würd mal sagen, in der Ecke, in der du aufgewachsen bist, da gibt es nur ein paar Hinterwäldler und sonst gar nix.“

Aber sie fand keine Zeit, eine Antwort auf diese Frechheit zu finden, denn der Elb war ganz nah gekommen, hatte sich vor sie gestellt und von oben bis unten gemustert. Sie hatte gar nicht anders gekonnt, als ihn ebenfalls genau anzuschauen. Seine Haut war so rein und weiß wie frischgefallener Schnee. Am liebsten hätte sie sie berührt, um herauszufinden, ob sie so eiskalt war, wie sie aussah, aber ein Blick aus Wintersturm-grauen Augen verwies sie in ihre Schranken. Das silberne Haar war über dem Scheitel zusammengebunden und fiel als geflochtener Zopf bis über seine Schultern. Einem so makellosen Wesen hatte sie noch nie gegenüber gestanden, und sie…

 

„Willst du hier allein zurückbleiben, Träumerin? Oder packst du ebenfalls deine Sachen, um uns noch ein Stück zu begleiten?“ Runes gewohnt ruppiger Ton riss sie unsanft aus ihren Gedanken, und sie beeilte sich, ihre wenigen Habseligkeiten zusammenzusuchen. Sobald ihr Weg sie an einer Ortschaft vorbeiführte, würde sie sich von diesen ungehobelten Gestalten trennen, das hatte sich Dinka bereits fest vorgenommen. Doch mitten in der Wildnis war es besser, den Anschluss nicht zu verlieren.

Sie hatte nur ausweichende Antworten auf ihre Frage erhalten, warum die Gruppe überwiegend nachts weiterzog und die Ruhepausen tagsüber einlegte, aber nach ein paar Tagen hatte sie sich diesem Rhythmus angepasst. Die finsteren Regenwolken waren endlich weitergezogen, und im Schein des Vollmonds kamen sie zügig auf den Waldpfaden voran. Deshalb überraschte es Dinka, dass ihre Begleiter nach nicht allzu langem Marsch anhielten. Bis sie an ihnen vorbeispähte, und die gewaltige Burg erblickte, die sich in der Mitte eines Tals auf einem Felsen erhob. Ein majestätisches Bild, aber etwas daran war ungewöhnlich.

„Was fliegt denn da um die Türme herum?“ Argwöhnisch lugte Dinka zwischen Rune und dem Elben hindurch. „Sind das etwa riesige Fledermäuse?“

Es war der sonst so schweigsame Norgon, der heiser auflachte und ihr zuzwinkerte. „Keine Fledermäuse, nur Krähen.“

„Krähen? Vögel fliegen doch nicht mitten in der Nacht!“

„Bist du denn noch nie in der Dämmerung unterwegs gewesen?“ Rune schüttelte den Kopf. „Krähen, aber auch Drosseln sind oft schon vor Sonnenaufgang oder noch nach Sonnenuntergang unterwegs. Allerdings achten die wenigsten Menschen auf solche Dinge.“

Doch Dinka ließ nicht locker. „Aber was tun sie da? Weshalb sind so viele unterwegs?“

Dieses Mal war es Sree-Balan, der ihr antwortete. „Wir wandeln unter dem Krähenmond, kleiner Mensch. Weißt du nicht, dass der dritte Monat des Jahres unseren schwarzen, gefiederten Freunden gewidmet ist, weil sie uns stets treu, aber auch klug zur Seite stehen?“

Kleiner Mensch? Hatte sie etwa keinen Namen? Außerdem war das keine vernünftige Antwort auf ihre Frage! Dinka zügelte ihren Unmut, weil sie sich insgeheim vor der spöttischen Zunge des Elben fürchtete, konnte sich jedoch einen kleinen Seitenhieb auf das freche Federvieh nicht verkneifen. „Tatsächlich? Bei uns genießen Leichenfledderer wie diese kein besonders hohes Ansehen.“

„Ist das so?“, fragte der Elb lächelnd zurück. „Und wer ist hier der Leichenfledderer? Der, der von Natur aus dazu bestimmt ist, diese Welt rein zu halten und sie, soweit möglich, vor Seuchen zu bewahren, oder der, der seine Artgenossen wie ein Stück Schlachtvieh an einem Seil aufhängt, um ihn bei Wind und Wetter verrotten zu lassen?“

Das Lächeln hatte sie wieder einmal getäuscht; wieder hatte sie nicht mit solch brutal direkten Worten gerechnet und wurde deshalb besonders hart von ihnen getroffen. Mit hochrotem Kopf machte sie kehrt, um am Ende der Gruppe zu marschieren. Allein!

 

Sie marschierten weiter am Abgrund entlang, und zu Dinkas großem Verdruss ließ sich der Elb immer weiter zurückfallen, bis er nur wenige Schritte vor ihr den schmalen Pfad entlang schritt. Als er stehenblieb, um sich zu ihr umzudrehen, stieß ein Schatten zwischen zwei der Felsen hervor und prallte gegen ihn. Es ging alles so schnell, dass Dinka später nicht sagen konnte, ob der Angreifer wirklich vorgehabt hatte, sich zusammen mit dem Elben in die Tiefe zu stürzen. Durch eine geschickte Drehung des Oberkörpers konnte Sree-Balan der Hauptwucht des Angriffs entgehen, so dass der heimliche Attentäter mit einem Schrei an ihm vorbei in die Schlucht stürzte. Doch die Attacke hatte Sree-Balan aus dem Gleichgewicht gebracht, und er wäre mit Sicherheit hinterhergestürzt, wenn sie nicht beherzt zugegriffen und ihn an der Hand zurück auf den sicheren Weg gezogen hätte.

Der Elb hielt noch immer ihre Hand, als er sich seltsam steif zu ihr umwandte. In seinem Gesicht las sie so viel Schmerz, dass sie sich sicher war, dass er eine tödliche Verletzung erlitten haben musste. Doch dann nahm er ihre Hand, führte sie an seine Lippen, um einen Kuss auf ihre Fingerspitzen zu hauchen, um danach wie ein Geist in der Dunkelheit zu verschwinden. Ein Prickeln blieb auf ihren Fingerspitzen zurück, und die Gewissheit, dass die weiße Haut des Sternen-Elbs keineswegs kühl oder gar eisig war. Dinkas Wohlgefühl löste sich schlagartig auf, als sie bemerkte, dass alle anderen wie angewurzelt stehengeblieben waren, um sie anzustarren. Einen Dank zu erwarten, wäre wohl vermessen gewesen, aber dass man sie deswegen ansah, als hätte sie irgendeine Dummheit begangen, ließ sie wieder einmal aufbrausen. „Was ist?“, rief sie. „Hätte ich ihn abstürzen lassen sollen?“

Rune schüttelte resigniert den Kopf, gab dann aber doch noch eine Antwort. „Du hast ihn berührt. Nun hast du keine andere Wahl mehr, als bei uns zu bleiben. All die Wesen, die auf der Jagd nach dem Blut der Sternen-Elben sind, werden sich jetzt auch an deine Spuren heften.“ Doch viel schlimmer als diese rätselhaften Worte traf Dinka das Mitleid, das sie in den Mienen der anderen erkennen konnte.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0