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Mai - Marmeladenbrot: Trostpflaster

Trostpflaster

 

Schon lange hatte ich vorgehabt, nach Sara zu suchen. Seit über dreißig Jahre waren wir, der Rest der Familie, schon kein Teil mehr ihres Lebens. Damals war sie einfach gegangen, war über Nacht verschwunden und hatte mich als Achtjährige mit einem versoffenen Vater und einer labilen Mutter zurückgelassen. Ich kann mich immer noch an die Angst erinnern, die mich zu jener Zeit fast sterben ließ. Doch ich lernte, ohne Sara zu überleben. Ja, ich wollte sie irgendwann suchen, doch meine Mutter fand sie zuerst. „Schau doch, Anna, da im Fernsehen. Das ist doch Sara. Das ist doch meine kleine Sara!“

Erst hörte ich gar nicht hin, verbuchte es als Auswuchs ihrer üblichen Verwirrtheit. Solange er lebte, schlug Vater gerne zu, bevorzugt gegen den Kopf, was Spuren bei ihr hinterlassen hatte, doch dieses Mal stimmte, was Mutter sagte. Da saß sie - in der illustren Runde einer dieser vielen Talkshows. Leicht benommen hörte ich zu, wie sie von ihrer Karriere erzählte und ihrem vermögenden Ehemann. Von uns war natürlich nicht die Rede, doch seit diesem Tag war Mutter davon besessen, dass ihre verlorene Tochter zu ihr zurückkehren würde. Bis ihr plötzlicher Tod dieses Hirngespinst zerstörte.

 

Und nun saß mir meine Schwester gegenüber, auf dem Stuhl, der auch nach ihrem Verschwinden immer für sie freigehalten worden war, und wollte mein Leben ein zweites Mal zerstören.

 „Wieso verkaufen?“

Sara riss die Augen weit auf. „Hast du etwa genug auf deinem Sparbuch, um mir meinen Erbteil auszuzahlen?“ Mit einem verächtlichen Schnaufen beantwortete sie sich die Frage sofort selbst. „Natürlich nicht, sonst sähe es hier wohl kaum so heruntergekommen aus, oder? Arbeitest du überhaupt?“

Ich nickte. „Natürlich. In der Forschungsabteilung der Novacs Pharma.“

Das irritierte sie nur für den Bruchteil einer Sekunde. „Als Putzfrau, nehme ich an. Ja, mit diesen Dumping-Löhnen kann man heutzutage kein Haus unterhalten. Mutters Geld habt ihr dann wohl auch in diese maroden Mauern gesteckt, oder gibt es Erspartes? Vielleicht einen alten Bausparvertrag?“

Der Tee schmeckte bitterer als sonst, und ich ging zur Spüle, um ihn auszugießen. Bevor ich mich wieder zu meinem ungebetenen Gast an den Tisch setzte, holte ich eine meiner Visitenkarten aus der Schublade.

Ihre hochgezogenen Augenbrauen drückten ihr Erstaunen darüber aus, dass nun schon das Putzpersonal eigene Kärtchen verteilte. Was sie las, verblüffte sie dann aber wirklich. „Fachärztin für Pharmakologie und Toxikologie? Du?“ Sie starrte mich ungläubig an, und ich fragte mich, wie tief ihre Verachtung für den Rest der Familie sein musste. So tief wie der Hass, den ich für sie empfand?

„Was erstaunt dich so? Dass man etwas aus seinem Leben machen kann, selbst wenn man nicht wegrennt, um sich einen reichen Kerl zu angeln? Hast du ihm gesagt, wo du heute bist?“

Ihr Gesichtsausdruck wechselte blitzschnell von herablassend zu eiskalt. „Natürlich weiß er nichts von unserer lausigen Familie. Meine Eltern sind schon lange tot und Geschwister hatte ich nie.“ Sie durchbohrte mich mit einem tödlichen Blick. „Und komm ja nicht auf die Idee, mich mit meiner Vergangenheit erpressen zu wollen! Der Anwalt, der mich auf Mutters Anweisung hin über ihren Tod informiert hat, weiß, was ihm blüht, sollte er jemals ein Wort darüber verlieren.“ Sie kniff die Augen zusammen, um mich abschätzend zu mustern. „Und da aus dir wider Erwarten eine intelligente Frau geworden zu sein scheint, begreifst du das sicher auch. Es gibt keinerlei nachweisbaren Kontakt zwischen uns - ich war nicht auf der Beerdigung, und auch von meinem heutigen Besuch wird niemand etwas erfahren.“

Ich erlaubte mir ein schiefes Lächeln. „Du warst also nie hier.“

„Da kannst du Gift drauf nehmen! Ich habe mit Sicherheit keine Spur hinterlassen, und jetzt lass uns über den Verkauf reden. Du musst doch auch froh sein, diesen alten Kasten endlich loszuwerden.“

„Und trotzdem sollten wir uns ein Trostpflaster gönnen, findest du nicht?“ Aus den Augenwinkeln beobachtete ich ihre Überraschung, ihre Freude über diese unerwartete Kindheitserinnerung.

„Ist das etwa Mamas geniale Erdbeer-Zimt-Marmelade? Ich habe auf der halben Welt nach einer Marmelade mit diesem besonderen Geschmack gesucht, weißt du das?“

Wieder schenkte ich ihr ein Lächeln. „Mir geht’s genauso, und ich glaube, es liegt an dieser einzigartigen Zutat, die ihre Marmeladenbrote damals für uns hatten – der Trost.“

Sara zögerte. Ich konnte sehen, dass sie sich erinnerte, wahrscheinlich zum ersten Mal seit langer Zeit. Doch mit ihren nächsten Worten zerstörte sie diesen Hauch von Zusammengehörigkeit sofort wieder.

„Statt Trost hätte sie uns Schutz bieten sollen. Lass uns essen und es dann hinter uns bringen. Ich will weg hier.“ In ihrer Gier bemerkte sie nicht, dass mein Brot unberührt blieb.

 

Dieses Mal gab es keine Flucht für Sara. Ich wusch mir den Dreck von den Händen und nickte zufrieden. Nur für Mutter hatte es ein Begräbnis gegeben, denn ihr Treppensturz ließ sich leicht mit ihrer zunehmenden Verwirrtheit erklären. Sara hatte sich dort nicht blicken lassen, also war es nur gerecht, dass sie selbst keine Beerdigung bekommen würde. Ihr Platz war unter dem alten Holzboden im Kartoffelkeller. Gleich neben unserem Vater.

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