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November - Nachthimmel: Ich will meine Familie wieder

Ich will meine Familie wieder

 

Frierend vor Kälte hockte Sophie am Waldboden. Ihr kleines Jäckchen vermochte es kaum vor dem bitterkalten Wind, der um sie pfiff, zu schützen. Die hohen Tannen ächzten, und krächzten in den schaurigsten Tönen. Traurig blickte Sophie zum Himmel empor. Schwarze Wolken bedeckten den Nachthimmel, und somit waren keine Sterne in Sicht. Dabei hätte Sophie so gerne eine Sternschnuppe gesehen. Nur eine. Mehr brauchte sie nicht, damit ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung ging.

 

Aber allmählich beschlich sie Angst, ihr Plan enthüllte seine Tücken. Heimlich hatte sie sich aus dem Apartment geschlichen, und war mit ihrem Fahrrad in den Wald geradelt. Um zehn wollte sie zuhause sein, und leise in ihr Bett zurückschleichen. Ihre um halb elf nach Hause kehrende Mutter würde nichts bemerken, und vor der alten Mathilde, die auf sie aufpasste, brauchte sie sich nicht zu fürchten. Die gutmütige Nachbarin schlief meistens beim Fernsehen ein. Aber nun wäre Sophie froh unter ihrer warmen Decke zu sein. Sie ging an dem Baum, an dem sie ihr Rad zurückgelassen hatte, und erschrak. Es war nicht mehr da. Das kleine Mädchen schaute sich suchend um. Wie ging denn das? Ob es Geister in diesem Wald gab? Sophie ging einmal um den Baum herum. Nicht nur das Fahrrad war weg. Auch das Schild, das auf den Waldweg deutete, war verschwunden. Hatte sie sich beim Starren in den schwarzen Nachthimmel verlaufen?

„Nein, ich kenne den Weg. Ich war schon oft hier.“  Doch so sehr sie versuchte sich zu ermutigen, ihr kleines Herz begann immer lauter zu schlagen.

„Am helllichten Tage, nicht in der dunkelsten Nacht. Wie willst du deinen Weg nicht verlieren, wenn du nicht auf ihn Acht gibst?“

Mit einem Mal stand ein junges Mädchen, mit Augen, die wie die Sterne funkelten, vor ihr. Sie lächelte in einer besonderen Weise, die Sophies Angst und Bedenken sofort bei Seite wischten.

„Bist du ein Engel?“

„Das bin ich. Was macht ein kleines Mädchen wie du mutterseelenallein bei Nacht im Wald?“

„Ich wollte eine Sternschnuppe sehen, um mir etwas zu wünschen. Zuhause in der Stadt ist so viel Licht, dass man den Sternenhimmel nie sieht.“

„Das muss aber ein sehr starker Wunsch sein, dass du dann bis in den Wald fährst.“

„Ich will meine Familie wieder. So wie früher. Nicht eine Woche bei Mutter, und den Papa nur samstags und sonntags.“

„Hast du das deinen Eltern gesagt?“

„Wann? Mutter hat nie Zeit. Sie muss arbeiten. Früher war sie zuhause und Papa ging für uns alle arbeiten. Das hat Mama geärgert, weil er oft spät nach Hause kam. Sie sagte, er würde seine Arbeit mehr lieben als uns. Deshalb haben sie sich getrennt.“

„Jetzt ist es nicht besser, wie ich das verstehe. Nun bist du ganz alleine, denn Mutter muss Geld verdienen.“

„Mhh, mhh. Dabei könnte es einfach sein. Mutter geht zur Hälfte arbeiten, und Vater auch. Dann hätten beide gleich so viel Zeit für mich, und sonntags wären wir alle drei zusammen. Kannst du mir da bitte helfen? Ich verspreche, ich werde immer artig sein.“Sophie sah flehend zu der Engelin auf.

Die Himmelsbotin strich ihr über den Kopf. „Ich kann, und darf nicht gegen die Entscheidungen deiner Eltern vorgehen. Aber ich kann dir helfen, ihnen zu sagen, wie du dich fühlst.“

Sophie drückte sich gegen das Lichtwesen. Die Engelin zog Bleistift und Papier heraus. „Dann fangen wir mal damit an, deinen Eltern einen Brief zu schreiben.“

Sophie schrieb eifrig. Kälte, Nässe waren vergessen. Als es fertig war, drückte das Lichtwesen ihr zärtlich die Hand. Sophie schlief ein.

 

Als sie aufwachte, lag sie in ihr Kinderzimmer im Haus ihres Vaters. Beide Elternteile saßen mit Tränen in den Augen an ihrem Bett.

„Kind, was machst du für Sachen? Ein Glück, dass dich der Förster gefunden hat.“ Liebevoll strich die Mutter ihr eine Strähne aus dem Gesicht.

„Ich wollte eine Sternschnuppe sehen.“

„Wir wissen Bescheid. Deinen Brief haben wir gelesen. Ich glaube, wir werden mal reden. Wir haben da ein paar Dinge falsch gemacht.“

„Werden wir wieder zusammen in diesem Haus wohnen?“

Vater und Mutter nickten. Sophie lächelte ihre Eltern, und dem Lichtwesen, der hinten in der aufgehenden Sonne verblasste, an. Jetzt würde alles gut werden.

 

 (Lucy Engel, Autorin aus Luxemburg)

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