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Türchen 05 "Rauschgoldengel"


Singender Rauschgoldengel


„Mein Rauschgoldengel, mein Rauschgoldengel! Gebt mir meinen Engel zurück!“ Schluchzend wie ein Kind, den Kopf in die Hände gestützt, saß Martha vor ihrem kleinen, fünfzig Zentimeter hohen Tannenbaum. Von ihrem alten Leben hatte sie wenig in dieses Zimmer im Altenheim mitnehmen können. Fast ihr gesamter Besitz war an die Familie verteilt worden. Nur Kleider, ein paar Bücher sowie diesen Rauschgoldengel hatte sie mitgenommen. Aber der war fort. Gestohlen. Sie war sich sicher, ihn nicht verlegt zu haben. Sie mochte nicht mehr so rüstig sein wie früher, doch an Demenz litt sie nicht.
„Wir kaufen einen neuen. Morgen findet der Adventsbasar statt.“ Tröstend strich ihr die Pflegerin Annick über die Hand.
„Es gibt keinen Zweiten wie diesen. Den habe ich auf dem Trierer Adventsmarkt erstanden. Mein Mann Rudi hat ihn mir aus Liebe gekauft. Ohne besonderen Grund. Ich höre ihn noch ‚Kling, Glöckchen, Kling‘ singen, als er versuchte, den Engel hinter seinem Rücken zu verbergen.“ Sie schniefte bei der Erinnerung. Plötzlich klopfte es an der Tür. „Herein.“, rief Martha.
Die Putzfrau Emma steckte den Kopf zur Tür hinein. „Soll ich später kommen?“
In dem Moment hörten sie laut und deutlich: „Kling, Glöckchen, kling, lass mich bitte zurück zu meiner Besitzerin!“
Martha wollte aufstehen, doch Annick war schneller. Ohne zu zögern, griff sie in Emmas Tasche. Der vermisste Engel kam zu Marthas Freude zum Vorschein.
„Das wird ein Nachspiel haben.“ Annick scheuchte Emma fort und hängte den Engel ans Bäumchen. Am Abend saß Martha vor dem Engel und sang ihm Dank.

 

© 2020 Lucy Engel (Luxembourg)

 


Oh du Fröhliche!

Er saß traditionell oben auf der Spitze. Wie in den sechzig Jahren davor, hatte ich ihn beim Schmücken als letztes auf dem Weihnachtsbaum drapiert. Ich war selig, die ganze Familie um den Tisch sitzen zu sehen.
„Einmal an Weihnachten wenigstens“, dachte ich, „und hoffentlich dieses Mal ohne Zank und Streitereien.“                                                                                     

Die Kleinen konnten die Bescherung nicht erwarten. Sie quengelten und aßen mit wenig Appetit, was die Geduld ihrer Eltern auf die Probe stellte. Ich bat sie um Verständnis und erinnerte meinen Sohn an seine Kinderzeit, die er scheinbar vergessen hatte.

Bei uns zu Hause blieb das Weihnachtszimmer bis zur Bescherung verschlossen. Erst als die Kerzen brannten und das Glöckchen läutete, durften wir eintreten. Die wenigen Geschenke lagen offen unter dem Weihnachtsbaum. Der Vorteil bestand darin, dass man keine allzu großen Erwartungen aufbauen konnte.
Ich hatte ihre „Erwartungen“ dieses Jahr scheinbar nicht erfüllt. Wieder einmal.
Mein Blick wanderte zum Rauschgoldengel und einen Moment, kam es mir vor, als zucke er mit den Schultern.

Ich sah das gequälte Lächeln meiner Schwiegertochter, die die weiße Angora-Garnitur aus dem Papier zog, die ich ihr gestrickt hatte. Mein Sohn beteuerte geradezu grotesk, dass die Theaterkarten eine prima Idee seien.
„Aber Oma!“, rief mein Enkel empört. „Ich hatte dir doch geschrieben, dass ich mir ein Computerspiel wünsche!“
„Steffen!“, brüllte sein Vater. Ich wollte beschwichtigend etwas erwidern, als seine Hand auf Steffens Wange klatschte. Erschrocken sprang ich auf. Der Junge kreischte, seine Schwester fing an zu weinen und der Rauschgoldengel stürzte von der Tannenspitze.

 

© 2020 Flora MC (Alsace)

 


Der magische Rauschgoldengel

Schnaufend trägt Klara den Christbaum die letzten Stufen zu ihrer Wohnung hoch. War der Baum wirklich nötig, jetzt wo sie alleine wohnt? Der erste Heilige Abend ohne Markus, ohne ihrer Familie, in einer neuen Stadt.
Vor ein paar Tagen hat sie die kleine Schachtel mit dem Weihnachtsschmuck von ihrer Oma aus dem Keller geholt. Sie öffnet die Box vorsichtig, Tränen steigen ihr in die Augen, als sie die Rauschgoldengel sieht. Wie schön war es, als sie Weihnachten noch bei Oma war und sie vor dem Christbaum mit den bunten Rauschgoldengel gemeinsam standen, leckerer Duft aus der Küche kam und sie bis spät in die Nacht hinein zusammen waren.
Wie lange hat sie die Engel nicht mehr benützt? Markus fand den Schmuck kitschig. So etwas willst du auf den Baum hängen? Aber das ist vorbei.
Um ihre Füße schmiegt sich Mia, die getigerte Katze, stellt sich auf die Hinterbeine auf und will sich einen Engel schnappen. „Nein, den bekommst du nicht.“ Klara nimmt sich den größten Rauschgoldengel, der ein rotes Kleid trägt und befestigt ihm am Baumkranz. Nach kurzer Zeit ist der Christbaum voller Rauschgoldengel und die Lichterkette wirft ein warmes Licht in das Wohnzimmer.
Am Abend setzt sie sich mit Mia vor dem Christbaum. ‚Stille Nacht, Heilige Nacht‘ spielt im Hintergrund. Sie grault Mia hinter die Ohren. „Frohe Weihnachten, Mia. Und dir auch, Oma, wo immer du auch bist.“
Der rote Engel am Kranz beginnt zu leuchten. „Frohe Weihnachten, Klara.“

 

© 2020 Sandra Novak (Wien)

 


Herzlose Engel

„Ich wollte das gar nicht“, flüsterte der hagere Mann, während er der Frau die braunen Locken kämmte. „Aber irgendjemand muss etwas unternehmen und sie für immer von hier vertreiben.“ Für einen Moment schien er auf eine Antwort zu warten, dann griff er nach dem dunkelroten Lippenstift. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Das war immer das Schlimmste gewesen, dieses Lächeln. Fein geschwungene Lippen, die ohne jedes Mitgefühl oder Wärme auf den kleinen Jungen herab lächelten, egal wie laut die Schmerzensschreie durch das alte, finstere Haus klangen.

„Sie haben immer zugesehen“, erzählte er der Frau, als er sie vorsichtig aufrichtete und in der vorbereiteten Drahtkonstruktion passend positionierte. „Auch wenn Opas Gürtel schon ganz blutig war von all den Schlägen, haben sie nur zugeschaut. Und gelächelt.“ Er drapierte die Falten des Kleides, kontrollierte den Sitz des goldenen Kranzes auf ihrem Kopf, wobei er das Ergebnis immer wieder mit dem kleineren Abbild im Regal verglich.

 

„Sieh hin“, flüsterte er der Regungslosen ins Ohr und deutete auf eine Reihe von Rauschgoldengeln. „Das ist die Sammlung meiner Oma. All die Engel, die ich damals um Hilfe angefleht habe. Doch sie haben mich nur mit ihrem Lächeln und den toten Augen angestarrt, ohne jemals einzugreifen. Jetzt büßen sie im Feuer dafür.  Ich schaffe mir echte Engel, so wie dich. Die Herzlosen werden alle durch Besseres ersetzt.“ Mit diesen Worten warf er die Engelsfigur in die Flammen. Die Tote jedoch schob er in den Kühlraum, wo sie sich in seine eigene bizarre Sammlung einreihte.

 

 © 2020 Anathea Westen (Lipperland)

 


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