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Türchen 09 "Nussknacker"


Stille Weihnacht

Aromatischer Dunst wehte durch das Schaufenster des kleinen Ladens, der Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge anbot. In der Auslage waren jene Schätze zu sehen, die so vielen Menschen das Weihnachtsfest verschönten. Demonstratives Husten unterbrach die friedvolle Stille.
„Was ist das denn für ein Zeug, das du dir da reinziehst?“ Der Lichterengel wedelte mit seinen Kerzenhaltern, um den Qualm zu vertreiben. „Das stinkt, als würden die müffeligen Socken vom Weihnachtsmann brennen.“
„Vorsicht, meine Liebe“, drohte der runde, in leuchtendes Rot gekleidete Holzmann. „Noch so einen Spruch, und es gibt kein Geschenk an Heiligabend.“
Das Räuchermännchen stieß eine weitere Dampfwolke aus. „Das sind Räucherkegel aus feinstem Sandelholz. Ihr könnt euch glücklich schätzen, dass ihr euch so etwas Exquisites in die Riechluken ziehen dürft.“
„Halleluja, halleluja“, sangen die kleinen Engel auf der Weihnachtspyramide und gaben ihrem Drehteller ordentlich Schwung, bis sie kichernd einer nach dem anderen herunter plumpsten.
„Gute Güte, die Kindchen sind schon völlig high von dem getrockneten Kamelmist. Sandelholz, wer’s glaubt ...“
Bevor das Räuchermännchen antworten konnte, ergriff der Nussknacker das Wort. „Hört auf zu streiten, das hilft nicht gegen die Angst.“ Alle starrten den stattlichen Soldaten mit dem ausgeprägten Holzkiefer stumm an, bis dieser fortfuhr: „Ich vermisse sie ebenso wie ihr; all den Trubel, ihr Lachen, die leuchtenden Augen.“
„Ja“, flüsterten die Engel. „Es ist viel zu still ohne Menschen auf den Straßen. Diese Weihnacht ist ganz anders.“
„Aber nach jeder Dunkelheit gibt es wieder Sonnenschein! Darauf spendiere ich den nächsten Räucherkegel!“, rief der Räuchermann, und alle nickten hoffnungsvoll.

 

© 2020 Anathea Westen (Lipperland)

 


Der Nuss-Dieb

Erstaunt starrten meine Schwester und ich unter dem Tannenbaum. Wie das gegangen war, konnte sich keine erklären. Nussschalen lagen zerstreut über den Boden, die Nüsse selbst waren weg.
„Das muss ein Eichhörnchen gewesen sein! Aber wie ist der reingekommen?“
Amy und ich überprüften jedes Fenster, jede Tür. Alles war fest verschlossen. „Komisch! Wie bricht man Nüsse auf, wenn kein funktionierender Nussknacker im Haus ist?“ Fragend sah mich Amy an. Sehr gute Frage. Und vor allem wer? Ein Fiepen erinnerte uns daran, dass erst mal die letzte Gassi Runde auf dem Plan stand. Den ganzen Spaziergag über grübelte ich über die Nüsse.

Zuhause angekommen, zog ich mir den Mantel aus, leinte die Hunde los. Momo flitze in die Stube, während ich die Stiefel auszog. Flicka rannte nach oben zu Amy, die gerade duschte. „Seid ihr schon zurück? Ja, Kleines. Du kriegst noch das abendliche Leckerli. Momo auch. Lucy, bring mir bitte zwei Hundekekse.“
„Ja“, rief ich nach oben und betrat die Stube. Was sah ich da? Momo, die zwei Vorderpfoten auf den kleinen Salontisch gestemmt, das Schnäuzchen in den Nüssen. Fröhlich wedelte er mit der Rute. Er war derart beschäftigt, dass er mich nicht bemerkte. Behutsam nahm er eine Nuss heraus und legte sich damit auf den Boden. Wie bei einem Knochen durchbiss er die Schale. Ich starrte ihn an.
„Momo frisst Nüsse!“, schrie ich nach oben, „Komm mal
schauen.“
Amy kam im Bademantel nach unten. „Nee, oder?“
„Doch, und ohne Nussknacker. Einfach mit den Zähnen. Schlaues Hündchen.“

 

© 2020 Lucy Engel (Luxembourg)

 


Lampenfieber

Die Glocke schlägt Mitternacht. Im Wohnzimmer ist es finster und ich schleiche zum Weihnachtsbaum, unter dem der beschädigte Nussknacker liegt. Ein Tuch hält die Bruchstelle zusammen, die mein Bruder dem armen Kerl zugefügt hat. Ich hebe ihn auf, nehme im Sessel Platz und lege ihn behutsam in meinen Schoss. Ein Luftzug weht durch das Zimmer und bläht die Gardinen auf. Mich fröstelt.

„Sitze ich hier wirklich? Oder ist es ein Traum?“
Als der unheimliche Drosselmeier den Raum betritt, wünsche ich mir sehnsüchtig, nur zu träumen. Er trägt einen schwarzen Umhang und tanzt wie eine riesige Fledermaus um meinen Sessel.
Sollten jetzt nicht die Zinnsoldaten und der Mausekönig auftauchen? Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, denn er kommt auf mich zu und reißt den Nussknacker an sich. Er verzieht den Mund zu einem Grinsen und entblößt spitze, lange Eckzähne. Ich möchte schreien, aber kein Ton gelangt über meine Lippen.

Er wirbelt durch das Zimmer, sein Umhang flattert. Den Nussknacker in seiner Linken fest umklammert, flüstert er Beschwörungen. Er dreht sich schneller und schneller. Mir wird schwindlig und ich schließe die Augen.
Als ich sie öffne, ist es still. Ich bin allein und der Nussknacker liegt unversehrt in meinem Schoss. Das Tuch ist verschwunden. Verwundert betrachte ich die Schönheit des Geschenks, als mich jemand an der Schulter packt. Jetzt schreie ich laut.

„Um Gottes willen, Emma! Wach auf!“ Ich öffne die Augen und schaue in das besorgte Gesicht meiner Mutter. „Beeil dich, du kommst zu spät zur Generalprobe in der Ballettschule.“

 

© 2020 Flora MC (Alsace)

 

 


Der Schuhladen

„Komm, lass und bei bei Högn’s noch vorbeigehen. Da finden wir sicher ein paar Winterstiefeln für dich,“ sagt Edith zu ihrem Ehemann.
„Wenn’s sein muss.“. Peter zieht den Kragen seiner Jacke ein Stück weiter hoch und sie schlendern die Fußgängerzone bis zum Bäcker vor, wo sie in die Klingengasse einbiegen.
„Siehst du das!“, Edit zeigt auf die rechte Ecke, wo das Schuhgeschäft ist und die Fassade mit Nussknackern verkleidet ist. Sie lächeln auf die Menschen freundlich herab.
„Der Högn ist wirklich immer für eine Überraschung bereit“, sagt Peter und hält seiner Ehefrau die Tür zum Schuhgeschäft auf.
Beim Hineingehen schreitet Herr Högn auf sie zu:„Es freut mich sie wieder zu sehen. Was kann ich für Sie tun?“
„Diese Woche soll es noch schneien. Mein Mann braucht Winterschuhe.“
„Dann kommen sie beide mit.“ Er geht mit dem Ehepaar zu dem rechten Wandschrank, wo die Herrenstiefeln ausgestellt sind.  
„Ihre Fassade sieht wieder toll mit den großen Nussknackern und den vielen Kleinen in den Auslagen aus. Wie sie das jedes Jahr nur machen?“, schwärmt Edith.
„Vielen Dank, das freut mich, dass es ihnen gefällt. Wir bereiten uns jedes Jahr ab dem Sommer auf die Gestaltung vor.“
„Da muss ich unbedingt mit unserer Enkelin nochmals vorbeikommen. Wir hatten schon Angst, dass sie dieses Jahr ihr Geschäft nicht schmücken.“
„Ehrlich gesagt, habe ich länger überlegt. Aber wenn es in den letzten fünfzehn Jahren einen Grund gab den Laden zu schmücken und den Kunden eine Freude zu machen. Dann vor allem in diesem Jahr.“

 

© 2020 Sandra Novak (Wien)

 

 


Harte Nuss

„Willkommen in der Reha.“ Ich streckte der Neuen die Hand entgegen. „Ich bin Dennis.“ Sie musterte mich mit Katzenaugen, unter denen tiefe Schatten lagen. Zögerlich nahm sie meine Hand. „Nina. Bist du der Trainer?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ebenfalls Patient.“
Ihr Gesicht verhärtete sich. „Ich will nicht unhöflich sein, aber kannst du mich in Ruhe lassen?“
„Warum?“
Sie verschränkte die Arme. „Weil ich genug um die Ohren habe und...“
„Und was?“
„Das würdest du nicht verstehen.“
„Versuch`s doch mal.“ Ich setzte mich neben sie. „Meine Ohren funktionieren einwandfrei.“


Nina seufzte ergeben. „Also schön: Ich war eine Prima-Ballerina. Tanzen war mein Leben. Aber das ist vorbei.“
„Dein Leben? Oder das Tanzen?“
„Beides.“
„Was ist passiert?“
Sie berührte die Schiene an ihrer Wade. „Unterschenkelfraktur.“
„In deinem Alter sind die Aussichten auf Heilung doch sicher vielversprechend, oder?“
„Wen interessiert´s? Diese Saison ist gelaufen.“ Nina fing an zu weinen. „Ich sollte die Clara im Nussknacker tanzen.“
„Hey“, sagte ich sanft. „Die Reha ist zugegebenermaßen eine harte Nuss. Aber wenn du sie dieses Jahr knackst, kannst du nächstes Jahr die Clara tanzen.“
„Ach ja?“ Sie funkelte mich an. „Du hast leicht reden. Dir fehlt ja nichts.“
Ich zog meine Jogginghose hoch. „Wenn man vom Bein absieht.“
„Unmöglich.“ Betroffen starrte sie auf meine Prothese. „Ich habe dich laufen sehen. Das sah ganz normal aus.“
„Tja“, ich lächelte, „das nennt man Reha. Solltest du mal probieren.“
„Ich habe Angst“, gab sie leise zu. „Hilfst du mir?“
Ich klopfte auf meine Prothese. „Nussknacker zu Ihren Diensten.“

 

 © 2020 Katja Kobusch (Hamburg)

 

 


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