Camp NaNoWriMo April 2018

Im Gegensatz zum November geht es bei dem virtuellen Schreib-Camp sehr viel lockerer zu - zum einem kann man sein Ziel selbst definieren; zum anderen hat man die Möglichkeit,  mit Gleichgesinnten in ein 'Zelt' zu ziehen, um sich auszutauschen. Eine gute Gelegenheit, die Zeltgenossen besser kennenzulernen und gemeinsam ein wenig "Schreib-Unfug" zu veranstalten. Am Ende gab es daher nicht nur die jeweiligen Projekte der Einzelnen, sondern auch eine Art 'Camp-Geschichte', an der die verschiedenen NaNo-Avatare fleißig teilgenommen hatten.

 

Synopsis

 

Hazel weiß längst, dass sie und ihre Familie anders sind. Doch erst, als ihre Mutter getötet und sie selbst an einen abgeschiedenen Ort gebracht wird, begreift sie nach und nach, welche Verantwortung auf ihr lastet. Sie und die anderen Lichtkinder sollen die Welt vor den dunklen Schatten bewahren, doch wie sollen sie das schaffen, solange es noch Feindschaften zwischen den einzelnen Familien gibt? Erst in größter Gefahr gelingt es einigen von ihnen, eine Gemeinschaft zu bilden, doch wird dies ausreichen?

 

Leseprobe aus "Licht und Schatten" (Arbeitstitel)

 

 Am Ende der Straße angekommen blieb Hazel vor dem Gartentor stehen, atmete tief durch. Dieses bescheidene Haus am Ende der Welt mit seinem scheinbar verwilderten Garten, kam dem am nächsten, was sie Zuhause nennen konnte. Von klein an prägten Umzüge, Reisen und Aufenthalte bei verschiedenen Verwandten ihr Leben, doch immer wieder kehrten sie mit ihrer Mutter zurück an diesen verschwiegenen Ort. Hier war sie als Kind glücklich gewesen. Auf der Wiese vor dem Haus hatte sie Blumenkränze geflochten. Mit den streunenden Hunden und Katzen, die hier ebenfalls Unterschlupf suchten, streifte sie durch den nahen Wald. Die milden Abende des Sommers saß sie in die Arme ihrer Mutter gekuschelt, um die blinkenden Sterne zu bewundern. Selbst in tiefschwarzen Neumondnächten konnte man sich mühelos in diesem Garten zurechtfinden, denn die verschiedenen nachtduftenden Pflanzen wiesen zuverlässig den Weg. Gleich am Gartentor empfing einen die Mondwinde, die den Torbogen umrankte, ihre strahlenden Blüten am Abend wie im Zeitraffer entfaltete, um einen wohlriechenden, an feines Parfum erinnernden Duft zu verströmen. Hazel berührte zart die Blätter und lächelte. Ihre Mutter nannte diese Kletterpflanze, die freundlich den abblätternden Anstrich des Zaunes verdeckte, gern auch ‚Gute-Nacht-Blume‘. Sobald Hazel beim Spielen diesen Duft auffing, hatte sie gewusst, dass es an der Zeit war, sich von ihren Freunden zu verabschieden, denn der Ruf „Zeit fürs Bett“ würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Betrat man den Garten, begleitete einen das Kleine Gemshorn mit seinem Duftgemisch aus Nelken, Zimt und Vanille bis an die uralte, aber liebevoll restaurierte Holztür, die jeden Besucher mit ihrem strahlenden Indigoblau zum Bleiben einlud. Wer stattdessen lieber den Weg um das alte Haus herum einschlug, den empfing an der Veranda die Wunderblume, deren Blüten sich in verschiedenen Farben wie gelb, rot, weiß oder auch gestreift zeigten und entspannenden Orangenduft verbreiteten. Wer hingegen das Gartenhäuschen suchte, folgte einfach den gelbgrünen Blüten der Gichtpelargonie, die mit ihrem zarten Marzipan-Bananen-Duft nicht nur Nachtfalter, sondern auch Hazel immer wieder angelockt hatte. Die Engelstrompete wiederum mit ihrem schweren, tropischen Duft wies dem nächtlichen Wanderer den Weg hin zum Wald, der direkt hinter dem Garten begann. Dort an der abgelegenen Pforte wachte der Nachtjasmin, auch ‚Galan der Nacht‘, genannt. Er verabschiedete all jene, die sich auf die dunklen Waldpfade begaben, und begrüßte die Heimkehrenden als Erster.

Ja, dies war ihr Zuhause. Tief sog sie die milde Nachtluft ein, um den Duft der Mondblüten einzuatmen, doch da war nichts. Verwirrt stand sie vor dem Tor, beugte sich schließlich dicht über die Blüten, die sich ihr wie sonst auch entgegenstreckten, doch der erwartete Wohlgeruch blieb aus. Abrupt richtete sie sich wieder auf, versuchte herauszufinden, weshalb sich heute alles anders anfühlte. Kein Duft, kein Geräusch und - sie zuckte erschrocken zusammen  - in den beiden oberen Fenstern brannten keine Kerzen. Wann immer jemand in dem Haus verweilte, wurden nachts die warmen Lichter angezündet, um ihren goldenen Schimmer in die Dunkelheit hinauszuschicken – an dieses ungeschriebene Gesetz hielt sich jeder und ihre Mutter ganz besonders. Hazel fröstelte in der lauen Nachtluft. Ihre Mutter sollte bereits seit mehreren Tagen zurück sein, warum also brannten die Kerzen nicht? Sie tastete nach der zerknitterten Nachricht in ihrer Manteltasche. ‚Komm sofort. Ich brauche Dich hier‘, das war alles, aber genug, damit sie alles stehen und liegen gelassen hatte, um zum alten Haus zurückzukehren. Behutsam öffnete sie das Tor aus knotigem Holz, doch das leise Knarzen hallte wie grollender Donner durch die Stille. Jeder kleine Stein knirschte laut unter ihren Schuhen, als sie dem Weg zum Haus folgte. Sie war schon an einigen Orten gewesen, die den Hauch von Gefahr wie einen Umhang um sich geschlungen trugen, doch hier hatte es so etwas noch nie gegeben. Immer wieder tauchten Unbekannte auf, die auf den ersten Blick nicht besonders vertrauenswürdig wirkten, um sich letztendlich als begnadete Musiker, Geschichtenerzähler, Handwerker oder Künstler entpuppten. All diese Leute waren stets herzlich aufgenommen worden, und nie hatte es Unstimmigkeiten an diesem Ort der Wärme und Zufriedenheit gegeben.
Hazel schaute sich aufmerksam um, während sie mit langsamen Schritten auf das Haus zuging. Normalerweise hätte längst eine der unzähligen Katzen auf den späten Besucher aufmerksam geworden sein müssen. Sie konnte sich nicht erinnern, diesen Weg jemals ohne schnurrende Begleitung zurückgelegt zu haben. Verunsichert blieb sie stehen und lauschte, aber da war nur Stille. Kein Käuzchen, das die unheimliche Ruhe mit seinen schaurigen Rufen unterbrach. Nicht einmal ein geschäftiges Huschen von Mäusen oder anderen Gartenbewohnern, die sonst in der Dunkelheit unterwegs waren, gab Hazel das Gefühl, nicht völlig allein auf diesem Fleckchen Erde zu sein. Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich, das letzte Stück bis zur Haustür zurückzulegen. Mit wild klopfendem Herzen drückte sie gegen das Holz - fast hätten ihr Beine vor Erleichterung nachgegeben. Die Tür war fest geschlossen und nicht einfach nur angelehnt, wie dies immer in Filmen gezeigt wurde, wenn dahinter etwas Schreckliches auf den unwissenden Besucher wartete. Für einen Moment lehnte sie ihre Stirn an das Holz und wurde mit dem Hauch eines harzigen, würzigen Geruchs belohnt, der von einem sonnigen Tag erzählte, dessen Erinnerung in diesem Türblatt bewahrt war. Der Moment verflog viel zu schnell, und Hazel musste sich entscheiden. Nach einem tiefen Durchatmen drückte sie die Türklinke behutsam nach unten, öffnete die Tür einen Spalt breit und lauschte. Nichts, nur Stille und Dunkelheit. Es kostete sie enorme Überwindung, die Hand in die Schwärze zu schieben, um nach dem Lichtschalter zu tasten.

 

** to be continued **

 © 2018 Anathea Westen